Restauration und Restaurierung

Restauration und Restaurierung

Historische Illustration zu Restauration und Restaurierung mit der Bundesverfassung von 1848, Melchior Diethelm und einem historischen Biedermeiersekretär (Illustration unter Verwendung historischer Bildvorlagen mit Unterstützung von KI erstellt, 2026)

Zwei Begriffe zwischen Politik und Handwerk

Von der Sehnsucht nach der «guten alten Zeit» und der Kunst, Geschichte zu bewahren

Im Deutschen gibt es zwei Wörter, die sich zum Verwechseln ähnlich sind und doch etwas anderes bedeuten: Restauration und Restaurierung.

Restauration bezeichnet im politischen Sinn das Bestreben, frühere Herrschaftsverhältnisse oder gesellschaftliche Ordnungen wiederherzustellen.1

Restaurierung dagegen bezeichnet den fachlichen Umgang mit überlieferten Objekten – beispielsweise Gebäuden, Gemälden, Musikinstrumenten oder Möbeln –, mit dem Ziel, ihre materielle Substanz und historische Bedeutung zu bewahren und sie, wo erforderlich, wieder besser wahrnehmbar und verständlich zu machen.2

Beide Wörter gehen auf das lateinische restaurare zurück: wiederherstellen, erneuern, wieder aufbauen.

Diese gemeinsame sprachliche Wurzel ist in anderen Sprachen noch unmittelbar sichtbar.
Im Französischen kann restauration sowohl die Wiederherstellung eines Kunstwerks als auch die Wiederherstellung einer politischen Ordnung bezeichnen.3

Auch im Englischen umfasst restoration beide Bedeutungen, im Spanischen gilt Ähnliches für restauración.4

Die Bedeutungsdifferenzierung im Deutschen ist mehr als eine sprachliche Kuriosität. Sie macht zwei Vorstellungen sichtbar, die denselben Wortstamm teilen und doch in unterschiedliche Richtungen weisen: die Auseinandersetzung mit dem, was von der Vergangenheit tatsächlich erhalten geblieben ist – und das Bestreben, zu einem früheren politischen Zustand zurückzukehren.

Was also will man bei einer Restaurierung «wiederherstellen»?

Objekte haben ihre Geschichten

Bei einem historischen Möbel kann ich diese Frage nur beantworten, indem ich zunächst untersuche, was tatsächlich vorhanden ist. Ein Möbel wurde einst gebaut, dann benutzt, beschädigt, repariert, überarbeitet und vielleicht über Generationen an neue Bedürfnisse angepasst.

Eine Oberfläche kann die Spuren einer späteren Überarbeitung tragen. Vielleicht wurde ein Beschlag ersetzt oder eine Füllung ergänzt. Im Laufe seines Lebens kann ein Möbel seinen Besitzer, seinen Standort und vielleicht auch seinen Zweck gewechselt haben. All diese Spuren gehören zu seiner Biografie. Ein Möbelstück hat keine unveränderliche «gute alte Zeit». Es hat eine Geschichte.

Die Aufgabe einer Restauratorin besteht nicht darin, diese Geschichte rückgängig zu machen oder ihre Spuren zu löschen. Sie muss die verschiedenen Schichten eines Objekts untersuchen und lesen können: Was ist vorhanden, was verloren? Was gehört zur ursprünglichen Substanz, was zu einer späteren Phase? Welche Eingriffe haben Schäden verursacht – und welche Veränderungen haben vielleicht gerade dazu beigetragen, dass das Möbel bis heute erhalten geblieben ist?

Fehlendes kann ergänzt werden, ohne das Vorhandene zu verleugnen. Und manchmal muss gerade das bewahrt werden, was auf den ersten Blick wie eine Abweichung vom ursprünglichen Zustand erscheint.

Restaurierung beginnt deshalb nicht mit der Vorstellung, wie etwas einmal ausgesehen haben könnte. Sie beginnt mit dem sorgfältigen Befund dessen, was erhalten geblieben ist.

Erst aus diesem Befund lässt sich die Geschichte eines Objekts erschliessen und abwägen, welche Eingriffe vertretbar sind. Das Ziel ist nicht, die Zeit zurückzudrehen, sondern das überlieferte Objekt in seiner Geschichte zu verstehen und daraus eine verantwortbare Entscheidung für seine Zukunft zu treffen.

Zurück zur alten Ordnung?

Als Napoleon Bonaparte 1814 abdanken musste, schien eine alte Welt zurückzukehren. Die Bourbonen bestiegen wieder den französischen Thron. Die Jahre 1814 bis 1830 gingen als La Restauration in die französische Geschichte ein.5

Doch schon hier zeigt sich, wie schwierig es ist, etwas «wiederherzustellen».
Ludwig XVIII. kehrte zwar als Bourbonenkönig zurück und knüpfte an die monarchische Legitimität vor der Revolution an. Aber Frankreich war nicht mehr das Frankreich von 1789. Die Charte constitutionnelle von 1814 bestätigte unter anderem die Gleichheit vor dem Gesetz und bei den Steuern, individuelle und religiöse Freiheiten und die Eigentumsgarantie. Gleichzeitig entstand eine konstitutionelle Monarchie mit zwei Kammern.6

Die Restauration war damit von Anfang an ein widersprüchliches Unterfangen. Sie wollte zurück – traf aber auf eine Gesellschaft, die nicht mehr dieselbe war.

1824 bestieg Karl X. den Thron. Unter seiner Herrschaft verstärkten sich die restaurativen Kräfte. 1830 eskalierte der Konflikt, als der König mit seinen sogenannten Juliordonnanzen (Ordonnances de Saint-Cloud) die Pressefreiheit einschränkte und das Wahlrecht veränderte. Die darauffolgende Julirevolution – die «Drei Glorreichen Tage» (Les Trois Glorieuses) vom 27. bis 29. Juli 1830 – stürzte das Regime. Karl X. dankte ab; die Bourbonische Restauration war beendet.5

Die Schweiz zwischen Restauration und Regeneration

Was in Frankreich geschah, blieb kein französisches Phänomen. Auch die Schweiz erlebte nach Napoleon eine Epoche, die als Restauration bezeichnet wird. Nach 1815 gewannen in vielen Kantonen vorrevolutionäre Eliten wieder an Einfluss, und der Bundesvertrag gab den Kantonen einen grossen Teil ihrer früheren staatlichen Kompetenzen zurück.7

Doch auch hier liess sich die Zeit nicht zurückdrehen. Die neuen Kantone blieben bestehen, die früheren Untertanenverhältnisse wurden nicht wiederhergestellt. Die Restauration konnte also nur Teile einer vergangenen Ordnung zurückbringen, denn die Geschichte, die dazwischenlag, liess sich nicht ungeschehen machen.7

Die Epoche, die darauffolgte, erhielt einen ganz anderen Namen: Regeneration.

Die Julirevolution entfaltete ihre Wirkung über Frankreich hinaus und stärkte auch in der Schweiz die liberalen Kräfte. In zahlreichen Kantonen wurden die politischen Verhältnisse neu geordnet. Ideen, die durch Aufklärung und Französische Revolution politische Sprengkraft erhalten hatten – Gleichheit, Freiheitsrechte, politische Teilhabe –, waren während der Restauration nicht verschwunden. Sie waren zurückgedrängt und teilweise überlagert worden. Nun traten sie wieder deutlicher hervor.8

Wenn der Firnis trüb wird

An dieser Stelle begegnet mir in meiner eigenen Arbeit ein verwandter Begriff: die Regenerierung.

Ein gealterter Firnis kann seine Transparenz verlieren. Feine strukturelle Veränderungen können dazu führen, dass ein ursprünglich klarer Überzug weisslich und trüb erscheint. Das Bild darunter ist deshalb nicht verschwunden. Es ist noch da – aber schlechter lesbar.

Bei der Regenerierung versucht man, die Transparenz eines solchen Firnisses wiederherzustellen. Ein historisches Verfahren geht auf Max von Pettenkofer zurück, der im 19. Jahrhundert mit Lösungsmitteldämpfen arbeitete. Der vorhandene Firnis wurde dabei nicht abgenommen und durch einen neuen ersetzt. Er wurde angelöst und in seiner Struktur verändert, damit das darunterliegende Bild wieder deutlicher sichtbar werden konnte.9

Das Bild wird nicht neu gemalt. Es wird wieder lesbar.

Dieser Gedanke lässt mich die politische Regeneration mit anderen Augen betrachten.

Die Ideen, die historisch nach 1830 wieder an Bedeutung gewannen, mussten nicht neu erfunden werden. Die Vorstellung von Freiheit und politischer Gleichheit, die Kritik an überkommenen Privilegien, die Idee politischer Mitbestimmung – all das hatte eine Vorgeschichte. Die Restauration hatte diese Ideen nicht ausgelöscht. Aber sie hatte versucht, eine frühere politische Ordnung wiederherzustellen, in der manches davon zurückgedrängt wurde.8

Die Metapher des trüben Firnisses macht etwas sichtbar: Geschichte verschwindet nicht einfach, nur weil restaurative Kräfte versuchen, frühere politische und gesellschaftliche Verhältnisse wiederherzustellen. Ideen können überlagert oder verdrängt werden – und später wieder hervortreten.

Und noch in anderer Hinsicht ist die Regenerierung ein treffendes Bild.

Pettenkofers Verfahren erwies sich keineswegs als vollkommene Lösung. Spätere restaurierungswissenschaftliche Untersuchungen zeigten nämlich, dass solche Eingriffe Veränderungen in den behandelten Schichten verursachen können. An historischen Gemälden wurden unter anderem Pigmentmigrationen aus der Malschicht bis in die Firnisschichten festgestellt. Was zunächst wie die Wiedergewinnung eines verlorenen Zustands erscheint, kann also selbst neue Veränderungen hervorrufen.10


Restauration
 verspricht Wiederherstellung.
Regeneration spricht von Erneuerung und Wiederbelebung.
Regenerierung arbeitet mit dem, was bereits vorhanden ist.

Keiner dieser Vorgänge stellt jedoch einen früheren Zustand unverändert wieder her.

Doch die politischen Ideen, die nun wieder hervortraten, trafen auf eine politisch und konfessionell zerrissene Schweiz: auf die ausgeprägte Eigenständigkeit der Kantone und auf unterschiedliche Vorstellungen davon, wie viel Macht ein gemeinsamer Staat besitzen sollte. Die Konflikte verschärften sich und mündeten 1847 im Sonderbundskrieg. Ein Jahr später musste eine neue politische Ordnung gefunden werden.11

Die entscheidende Frage war nun nicht mehr, wie man zu einer früheren Schweiz zurückkehren konnte, sondern was aus ihrer Geschichte bewahrt werden sollte – und was sich verändern musste.

Eine Stimme aus der Wüste

Wie schwierig diese Verbindung von Bewahren und Verändern war, zeigte sich bei einer der zentralen Fragen der neuen Bundesverfassung: Wie sollte das künftige Parlament organisiert werden? 
Gesucht war eine Ordnung, die die Repräsentation des Volkes mit der Eigenständigkeit der Kantone verbinden konnte.

Gerade deshalb ist die Rolle des Schwyzers Melchior Diethelm bemerkenswert. Nach der Niederlage des Sonderbundes kamen dessen führende konservative Vertreter für die Verfassungskommission kaum infrage. So griff man in den katholisch-konservativen Kantonen auf die wenigen radikalen Politiker zurück. Schwyz schickte Diethelm.11

Diethelm war radikalfreisinnig, musste als Vertreter seines Kantons jedoch dessen Interessen berücksichtigen. Als er im März 1848 nach einem konservativen Machtwechsel seine kantonalen Ämter verlor, löste er sich von den politischen Bindungen an seinen Heimatkanton. Rolf Holenstein beschreibt diesen Wendepunkt drastisch: «Aus dem Gleichgewicht geworfen, gedemütigt, verwirrt, wirft er alle seine bisherigen kantonalen Rücksichten hinter sich, um vorbehaltlos den Prinzipienweg einzuschlagen.»11

Am 22. März, als die Verhandlungen erneut festgefahren waren, trat Diethelm für das amerikanische Zweikammersystem ein. Später erinnerte er sich an diesen Moment:

Gerade im Moment dieser Ratlosigkeit wagte ich es, meine schwache Stimme zu erheben; ich erinnerte an die Nordamerikaner, welche in verzweifelter Lage sich nach dem Zweikammersystem gerettet haben. An diese Erinnerung knüpfte ich den Wunsch, dass man sich mit der Idee des Zweikammersystems befasse, wodurch die Nationalen und Kantonalen ihre Geltung erhalten würden. Viele der Anwesenden staunten ob dieser Stimme aus der Wüste.12

Melchior Diethelm (1800–1873)

Schwyzer Politiker und Mitglied der eidg. Verfassungskommission von 1848

Nach Sitzungsende suchte Diethelm seinen ehemaligen Lehrer Ignaz Paul Vital Troxler auf, der Anfang 1848 eine Schrift über die amerikanische Verfassungsordnung als Modell für die Schweizer Bundesreform veröffentlicht hatte. Diethelm bat ihn um ein Exemplar der Schrift, die noch am selben Abend bei den informellen Beratungen im Zunfthaus «zu Schmieden» studiert und diskutiert wurde.13

Als die Verfassungskommission am folgenden Tag, dem 23. März 1848, wieder zusammentrat, hatte das Zweikammersystem deutlich an Zustimmung gewonnen. Schliesslich sprach sich die Kommission mit 18 zu 5 Stimmen dafür aus.13 Nationalrat und Ständerat verbanden damit zwei Prinzipien: die Vertretung des Volkes und die Vertretung der Kantone.14

Diethelm wird zur tragischen Figur: Der Mann, der entscheidend zum Durchbruch des Zweikammersystems beigetragen hatte, trat am 6. April unter dem starken konservativen Druck in seinem Heimatkanton wieder für das Einkammersystem ein. Er blieb mit diesem Kurswechsel nahezu allein und verwischte später sogar die Spuren seiner eigenen Beteiligung.11

Die «Stimme aus der Wüste» war aus Schwyz gekommen – aus einem Kanton, der wenige Monate zuvor noch dem Sonderbund angehört hatte und den neuen Bundesstaat ablehnte. Ausgerechnet von dort kam ein entscheidender Impuls für dessen institutionelle Architektur.

Warum die Vergangenheit so verführerisch werden kann

Der Wunsch nach einer Rückkehr zu früheren Verhältnissen kann besonders dort an Kraft gewinnen, wo Menschen die Gegenwart als unsicher oder bedrohlich erleben. Wirtschaftliche Veränderungen, der Verlust vertrauter Lebensweisen oder gesellschaftliche Umbrüche können das Gefühl hervorrufen, die Kontrolle über die eigene Welt zu verlieren.

Dann kann die Vergangenheit ihre Widersprüche verlieren. Was einst kompliziert, ungerecht oder konfliktreich war, erscheint im Rückblick geordneter. Man erinnert sich an Sicherheit und Zugehörigkeit und vergisst leicht, wer von dieser Ordnung ausgeschlossen war. Aus Geschichte wird Erinnerung – und aus Erinnerung kann Sehnsucht werden.

Solche Ängste können von politischen Kräften aufgegriffen und zu einer Erzählung des Verlusts verdichtet werden: Wohlstand gehe verloren, Vertrautes löse sich auf, die eigene kulturelle Identität werde bedroht. 
Der komplexen Gegenwart wird eine Vergangenheit gegenübergestellt, die einfacher und geordneter erscheint, als sie tatsächlich war.15

Dabei kann auch der bereichernde Charakter gesellschaftlicher Veränderung aus dem Blick geraten. Menschen, die neu hinzukommen, bringen Sprachen, Erfahrungen, Fähigkeiten, Geschichten und Ideen mit. Kulturen sind keine unbeweglichen Gebilde; sie entstehen auch durch Begegnung, Austausch und Veränderung.

Die «gute alte Zeit» ist deshalb häufig weniger eine historische Wirklichkeit als eine Erinnerung, die im Nachhinein geglättet wurde.

Nicht zurück, sondern weiter

Restaurierung bedeutet nicht, Geschichte rückgängig zu machen. Sie übernimmt Verantwortung für das, was aus ihr hervorgegangen ist.

Dabei geht es nicht darum, jede Veränderung gutzuheissen oder jeden späteren Zustand zu bewahren. Schäden dürfen behandelt, Fehlendes ergänzt und störende Eingriffe unter Umständen zurückgenommen werden. Wichtig ist, dass solche Entscheidungen aus dem Befund entstehen – nicht aus der Sehnsucht nach einem vermeintlich besseren Früher.

Vielleicht liegt darin auch eine politische Haltung. Was heute selbstverständlich erscheint, wurde irgendwann erkämpft, ausgehandelt oder gegen Widerstand durchgesetzt.
Rechte, Institutionen und demokratische Verfahren sind nicht einfach gegeben. Sie sind Ergebnisse historischer Konflikte, Kompromisse und Entscheidungen –
 und gerade deshalb können sie auch wieder verloren gehen.

Wenn die Vergangenheit zum Programm wird

Wir erleben heute weltweit wieder das Erstarken autoritärer, nationalistischer und xenophober Kräfte sowie Bestrebungen, gesellschaftliche Veränderungen und politische Errungenschaften rückgängig zu machen.16

Besonders sichtbar wird das im Umgang mit Frauenrechten. Wo reproduktive Selbstbestimmung eingeschränkt, traditionelle Geschlechterrollen politisch propagiert oder hierarchische Familienbilder wieder zum gesellschaftlichen Leitbild erhoben werden sollen, geht es nicht nur um konservative Werte. Es geht um Freiheiten und Gleichstellungsrechte, die über Jahrzehnte erkämpft wurden.17

Wie existenziell die Stellung und der Schutz von Frauen bis heute sind, zeigt auch die Gewalt gegen sie: 2024 wurden weltweit schätzungsweise 50.000 Frauen und Mädchen von Intimpartnern oder anderen Familienangehörigen getötet – im Durchschnitt etwa 137 pro Tag.18

Doch die Rücknahme von Errungenschaften betrifft nicht nur einzelne Rechte. Sie kann die demokratischen Strukturen selbst erfassen.

Demokratien müssen nicht durch einen Staatsstreich verschwinden. Sie können auch von innen geschwächt werden – durch Angriffe auf unabhängige Medien und Gerichte, durch die Einschränkung institutioneller Kontrollen oder durch die schrittweise Veränderung jener Regeln, die politische Macht begrenzen.

Der Democracy Report 2026 des V-Dem Institute kommt zu dem Ergebnis, dass 2025 fast ein Viertel der Staaten weltweit einen Prozess der Autokratisierung durchlief.16

Vielleicht beginnt die Gefahr deshalb nicht erst dort, wo politische Kräfte offen die Vergangenheit zurückfordern. Sie beginnt bereits, wenn die Gegenwart systematisch als Verfall dargestellt und eine vergangene Ordnung beschworen wird. Die «gute alte Zeit» kann dann vom Gegenstand der Sehnsucht zum politischen Programm werden.

Was soll in die Zukunft getragen werden?

Die Geschichte der Restauration erzählt von dem Versuch, eine verlorene Ordnung wiederherzustellen.
Die Restaurierung geht einen anderen Weg: Sie setzt sich mit dem auseinander, was von der Vergangenheit tatsächlich erhalten geblieben ist.

Ein historisches Möbel kann nicht in seine Vergangenheit zurückkehren. Es kann nur weiterleben – mit seinen Veränderungen, seinen Gebrauchsspuren, seinen Verlusten und Ergänzungen.

Vielleicht gilt etwas Ähnliches auch für eine Gesellschaft.

Die Vergangenheit verdient Erinnerung, aber nicht unbedingt Rückkehr. Sie kann uns erklären, woher wir kommen und wie unsere Gegenwart entstanden ist.

Sie kann uns aber nicht die Entscheidung abnehmen, was wir davon bewahren, was wir verändern und was wir weiterentwickeln wollen.

Vielleicht ist das die schönste Bedeutung, die man restaurare heute geben kann.

Nicht zurück.
Weiter.

Fussnoten und Quellen

  1. Duden, Restauration, Restaurierung und restaurieren. Zur heutigen Bedeutungsunterscheidung im Deutschen.
  1. ICOM-CC (International Council of Museums – Committee for Conservation),Terminology to characterize the conservation of tangible cultural heritage, Resolution verabschiedet an der 15. Triennial Conference, New Delhi, 22.–26. September 2008. Zur fachlichen Definition von conservation als Oberbegriff für preventive conservation, remedial conservation und restoration sowie zum Ziel, materielles Kulturerbe unter Achtung seiner Bedeutung und materiellen Eigenschaften zu bewahren. 
  1. Centre national de ressources textuelles et lexicales (CNRTL), restaurer und restauration, Étymologie et histoire. Zur Herkunft aus lat. restaurare sowie zur Bedeutungsentwicklung von restauration.
  1. Merriam-Webster, restore und restoration; Real Academia Española (RAE), restaurar; El Colegio de México, Diccionario del Español de México, restauración. Zur Bedeutungsbreite im Englischen und Spanischen.
  1. Assemblée nationale, La Restauration (1814–1830): Les faits. Zur politischen Epoche der französischen Restauration, zur Rückkehr der Bourbonen, zu Karl X. und zur Julirevolution von 1830.
  1. Assemblée nationale, La Charte constitutionnelle, 4. Juni 1814. Zur Charte von 1814, den übernommenen Errungenschaften der Revolution und zur konstitutionellen Monarchie mit zwei Kammern.
  1. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Präsenz Schweiz, Auf dem Weg zum Bundesstaat (1815–1848), Abschnitt zur Restauration. Zum Bundesvertrag von 1815, zur weitgehenden Selbstständigkeit der Kantone und zur teilweisen Wiederherstellung vorrevolutionärer Verhältnisse.
  1. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Präsenz Schweiz, Auf dem Weg zum Bundesstaat (1815–1848), Abschnitt zur Regeneration. Zur Wirkung der Julirevolution von 1830 auf die Schweiz, zum liberalen Aufbruch und zu den kantonalen Verfassungsreformen.
  1. Wolfgang Rebber, Einsatz von verschiedenen Lösungsmitteln in Form ihrer Dampfphase zur Regenerierung von Harzüberzügen auf Holzobjekten – Neue Ansätze zu Pettenkofers Idee der berührungsfreien Behandlung von Firnissen, Diplomarbeit, Technische Hochschule Köln, 1997. Zur Regenerierung von Harzfirnissen mit Lösungsmitteldämpfen und zu Verdampfung, Lösungs- und Trocknungsprozess.
  1. Sibylle Schmitt, Effekte von Pettenkofers Regenerations-Verfahren. Versuchsreihen und Analyse von Malschichtmigrationen an regenerierten Gemälden des 17. Jahrhunderts, Dissertation, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 2019, DOI 10.11588/artdok.00006341. Zu Veränderungen in Malschicht und Firnis sowie zu Partikelmigrationen infolge historischer Regenerierungen.
  1. Rolf Holenstein, Stunde Null. Die Neuerfindung der Schweiz 1848. Die Privatprotokolle und Geheimberichte, Basel: Echtzeit Verlag, 2018. Zur Entstehung der Bundesverfassung von 1848, Melchior Diethelms Rolle, seiner politischen Situation und seinem späteren Kurswechsel.
  1. Adolf Rohr, «Troxler als Promotor des Zweikammersystems im schweizerischen Bundesstaat», in: Ignaz P. V. Troxler – Politische Schriften in Auswahl, Bd. 1, Bern/Stuttgart: Francke, 1989, S. 291 f.; wiedergegeben im Rundbrief des Ignaz P. V. Troxler-Vereins, Herbst 2018, S. 6–7. Zu Diethelms späterer Schilderung seines Auftritts und der «Stimme aus der Wüste».
  1. Rolf Holenstein, «Wie die Schweiz 1848 den Stein des Weisen fand», in: NZZ Geschichte, Nr. 17 (Juli 2018), Die Geburt der modernen Schweiz. Wie die Verfassung von 1848 zustande kam, S. 28–49, hier S. 44; ergänzend Adolf Rohr, «Troxler als Promotor des Zweikammersystems im schweizerischen Bundesstaat», in: Ignaz P. V. Troxler – Politische Schriften in Auswahl, Bd. 1, Bern/Stuttgart: Francke, 1989, S. 291 f.; Ignaz P. V. Troxler-Verein, Rundbrief, Herbst 2018. Zur Rekonstruktion der Ereignisse vom 22./23. März 1848, Diethelms Kontakt mit Troxler und der Rolle von Troxlers Schrift.
  1. ch Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit, Die Bundesverfassung vom 12. September 1848: Gründungsakt der modernen Schweiz, Interview mit Rolf Holenstein. Zum Zweikammersystem und zu Jonas Furrers Formel, der Kompromiss verbinde «die Vergangenheit mit dem Neuen».
  1. Georgios Samaras, «Make Britain Great Again: The morphology of Restorationist Re-politics», Politics, 2026, S. 1–18, online veröffentlicht am 10. Juni 2026, DOI 10.1177/02633957261455903. Peer-reviewte Studie zu politischer Nostalgie, Verlust- und Niedergangserzählungen und dem Versprechen politischer Wiederherstellung anhand dreier Akteure der britischen extremen Rechten.
  1. Marina Nord, David Altman, Tiago Fernandes, Ana Good God und Staffan I. Lindberg, Democracy Report 2026: Unraveling The Democratic Era?, University of Gothenburg: V-Dem Institute, 2026; ergänzend Amnesty International, The State of the World’s Human Rights: April 2025, London, 2025; sowie Georgios Samaras, «Make Britain Great Again: The morphology of Restorationist Re-politics», Politics, 2026. Zu weltweiter Autokratisierung und demokratischem Rückschritt, autoritären Entwicklungen sowie restaurativen politischen Narrativen.
  1. Constanza Tabbush, Understanding Backlash against Gender Equality: Evidence, Trends and Policy Responses, mit Forschungsunterstützung von Brianna Howell, hrsg. von Laura Turquet, UN Women und United Nations Research Institute for Social Development (UNRISD), 2025. Zur gegenwärtigen Gegenbewegung gegen Frauenrechte und Geschlechtergleichstellung sowie zur Gefährdung bereits errungener Rechte.
  1. United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) und UN Women, Femicides in 2024: Global Estimates of Intimate Partner/Family Member Femicides, United Nations, November 2025. Zur weltweiten Zahl der von Intimpartnern oder anderen Familienangehörigen getöteten Frauen und Mädchen.

Bildnachweise

Titelbild:
Restauration und Restaurierung – Zwei Begriffe zwischen Politik und Handwerk. Illustration unter Verwendung historischer Bildvorlagen mit Unterstützung von KI erstellt, 2026.

Melchior Diethelm (1800–1873): 
Porträt von Georg Anton Gangyner. Farbreproduktion in: Julia Cotti, Schwyz und die Verfassung – eine schwierige Ehe?, Präsentation vom 12. September 2023, S. 13.
Italienischer Kabinettschrank – ein Möbel mit mehreren Leben

Italienischer Kabinettschrank – ein Möbel mit mehreren Leben

The English version of my blog entry can be found below.

Restaurierung eines aussergewöhnlichen Kabinettschranks mit Marketerie, Elfenbein und Steineinlagen

Auf den ersten Blick wirkt dieser Kabinettschrank wie ein geschlossenes historisches Ensemble: ein aufwendig gestalteter Korpus mit zahlreichen Schubladen, einer zentral angeordneten Tür zwischen gedrehten Glassäulen und einem markanten Gestell mit vier gewundenen Beinen.

Doch die restauratorische Untersuchung erzählt eine wesentlich komplexere Geschichte.

Bei der Bearbeitung des Kabinettschranks zeigte sich, dass das Möbel vermutlich aus Bauteilen verschiedener Entstehungszeiten zusammengesetzt wurde.

Ältere mit aufwendigen Einlegearbeiten gestaltete Paneele dürften ursprünglich aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammen. Sie wurden vermutlich später in einen Korpus des 19. Jahrhunderts integriert.

Auch das ebonisierte Gestell dürfte später entstanden sein. Eine eindeutige Zuordnung des gesamten Möbels zu einer einzigen Entstehungszeit ist deshalb nicht möglich.

Dreiviertelansicht des Kabinetts von vorne rechts. Die Front zeigt zahlreiche Schubladen mit Elfenbein-Marketerie, die rechte Seite geometrische Steineinlagen. Das Gestell besteht aus vier gewundenen Säulen mit einem doppelten Y-Steg.

Ein Möbel aus Ebenholz, Cocobolo und Elfenbein

Besonders beeindruckend ist die Gestaltung der Schubladenfronten und Korpusseiten.

Die Felder sind mit Cocobolo-Furnier und Elfenbein dekoriert. Die Marketerie zeigt symmetrische, florale und figürliche Ornamente.
In vielen der Elfenbeineinlagen sind feine Gravuren sichtbar. Während sich die Gravuren an den Korpusseiten weitgehend erhalten haben, sind auf den Schubladenfronten nur noch Reste der ursprünglichen Feinzeichnung zu erkennen. Der Befund legt nahe, dass die Oberflächen der Schubladenfronten später abgeschliffen und anschliessend überlackiert wurden, wodurch Teile der fein gravierten Oberfläche verloren gingen.

Die Materialuntersuchung machte dabei eine besonders interessante Beobachtung: Bei den hellen Einlagen handelt es sich nach den durchgeführten Untersuchungen wahrscheinlich um Mammutelfenbein oder gealtertes Elefantenelfenbein. Eine eindeutige Unterscheidung zwischen Mammut- und gealtertem Elefantenelfenbein war anhand der mikroskopisch erkennbaren Struktur der Schreger-Linien* nicht möglich. Kunststoffe, Knochen, Horn und Taguanuss konnten hingegen als mögliche Materialien ausgeschlossen werden.

Gerade bei einem historischen Möbel ist eine solche Materialbestimmung mehr als eine technische Nebensache. Sie hilft dabei, die Herstellung, die spätere Veränderung und den heutigen Zustand des Objekts besser zu verstehen.

* Die nach dem deutschen Anatom und Chirurgen Bernhard Nathanael Gottlob Schreger (1766–1825) benannten Schreger-Linien wurden 1800 beschrieben. Sie bilden ein charakteristisches Kreuzmuster im Dentin des Elfenbeins. Für die Unterscheidung zwischen Mammut- und Elefantenelfenbein werden insbesondere die Winkel herangezogen, die sich an den Kreuzungen der Linien bilden. Da diese Winkel bei der vorliegenden mikroskopischen Untersuchung nicht zuverlässig bestimmt werden konnten, war eine eindeutige Zuordnung nicht möglich.

Steine, Muscheln und spätere Veränderungen

Neben Elfenbein und Cocobolo finden sich zahlreiche weitere dekorative Materialien.

In die Marketerie wurden unter anderem rote Achate, Chalcedone und Opercula-Muscheln, die sogenannten „Augen der heiligen Lucia“, eingesetzt. Dabei handelt es sich um die kalkhaltigen Deckelchen bestimmter Meeresschnecken aus der Familie der Turbinidae.

Auffällig ist, dass diese Einlagen die ursprüngliche Marketerie teilweise unterbrechen. Dies deutet darauf hin, dass es sich bei diesen Steineinlagen vermutlich um spätere Ergänzungen handelt.

Auch die Seitenflächen unterscheiden sich von den Schubladenfronten. Dort dominiert eine geometrische, an Beschlagwerk erinnernde Ornamentik, die deutlich weniger organisch wirkt.

Das Möbel zeigt damit nicht nur die handwerkliche Qualität seiner ursprünglichen Herstellung. Es dokumentiert zugleich seine eigene Geschichte: Veränderungen, Ergänzungen und Reparaturen, die über einen langen Zeitraum hinweg hinzugekommen sind.

Ein Gestell, das vermutlich später entstand

Auch das Gestell verdient einen genaueren Blick.

Der Korpus sitzt lose auf dem Gestell und wird durch ein umlaufendes Profil in Position gehalten. Vier kräftige, gedrehte Säulenbeine tragen den oberen Rahmen. Sie sind durch einen Y-förmigen Steg miteinander verbunden und stehen auf profilierten Kugelfüssen. Die sichtbare Oberfläche des Gestells ist ebonisiert und mit einem seidig glänzenden Lack versehen.

Gerade der Vergleich von Korpus und Gestell war für die kunsthistorische Einordnung wichtig. Der relativ gute Erhaltungszustand des Gestells spricht dafür, dass es ebenfalls später entstanden sein dürfte.

Aufgrund der ungewöhnlichen Kombination verschiedener Materialien und Stilepochen konnte kein direkt vergleichbares Möbelstück gefunden werden.

Das macht diesen Kabinettschrank besonders spannend: Er ist kein einfaches Beispiel für ein Möbel „aus einer Zeit“, sondern ein Objekt mit mehreren historischen Schichten.

Detail des profilierten Kugelfusses am Gestell des italienischen Kabinettschranks – vor der Restaurierung
Detail des profilierten Kugelfusses am Gestell des italienischen Kabinettschranks – nach der Restaurierung

Vertiefung: Eine ausführliche Befunduntersuchung und das daraus entwickelte Restaurierungskonzept habe ich in einem früheren Beitrag dokumentiert:

Spuren der Geschichte bewahren

Vor der Restaurierung zeigte das Möbel zahlreiche Schäden und Spuren früherer Eingriffe.
An Furnier und Marketerie fanden sich unter anderem feine Risse, Fehlstellen sowie unpassende ältere Ergänzungen. Zudem fehlten Teile der Elfenbeineinlagen.

Auch die Oberflächen zeigten unterschiedliche Erhaltungszustände. Während die Schubladenfronten und Korpusseiten insgesamt gut erhalten waren, wiesen die Deckplatte und die Kanten des Gestells deutlichere Abnutzungen und Kratzer auf. An den Profilen der Schubladen und am umlaufenden Korpusprofil hatten sich zudem dickere, teilweise abblätternde Lackschichten erhalten.

Hinzu kamen zahlreiche Spuren früherer Reparaturen und Veränderungen, darunter alter, teilweise kreidender Kitt in den Fugen der Marketerie sowie Lackläufer und Überlackierungen an verschiedenen Bereichen des Möbels.

Auch an Beschlägen und Schlössern zeigten sich Schäden und spätere Eingriffe; einige Schlösser waren schwergängig oder beschädigt. Da keine Schlüssel mehr vorhanden waren, mussten im Zuge der Restaurierung zwei neue angefertigt werden. Eine der erhaltenen Glassäulen war gebrochen, während zwei weitere Glassäulen und ihre Kapitelle fehlten.

Ziel der Restaurierung war es, die historische Substanz zu sichern, Fehlstellen zurückhaltend zu ergänzen und die unterschiedlichen Erhaltungszustände wieder zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzuführen – ohne die Spuren seiner Geschichte zu tilgen.

Fehlende Profile wurden rekonstruiert

Ein Teil der Restaurierung bestand in der Rekonstruktion fehlender Profile an der Deckplatte, den Schubladen und den Kapitellen.

Die fehlenden Profile an der Deckplatte wurden aus Tanne mit etwa 5 mm starken Ebenholzauflagen angefertigt. Dafür wurden die Masse und Rundungen eines erhaltenen Profils exakt abgenommen und auf Papier übertragen. Anhand dieser Vorlage wurde eine Ziehklinge aus Werkzeugstahl angefertigt. Die vorbereiteten Holzrohlinge wurden anschliessend durch die feststehende Ziehklinge gezogen, wodurch das gewünschte Profil herausgearbeitet wurde (vgl. Bild)

Auch die fehlenden Profile an den Schubladen und Säulenpodesten wurden so aus Ebenholz rekonstruiert.Aufgrund der hohen Härte und Dichte des Ebenholzes war ihre Herstellung besonders kraftaufwendig. Um die Reibung beim Durchziehen der Rohlinge zu verringern, wurde auf deren Unterseite Paraffinwachs aufgetragen.

Ziehklinge aus Werkzeugstahl in der Spannvorrichtung zur Profilrekonstruktion

Bei den kürzeren Profilen an der kleinen Schublade und den Kapitellen war ein Einspannen in die Spannvorrichtung aufgrund der geringen Grifffläche nicht möglich. Diese Profile wurden deshalb vollständig mit Stechbeiteln und Geigenhobeln ausgearbeitet.

Eckdetail der linken Seite mit Fehlstelle – vor der Restaurierung
Eckdetail der linken Seite nach Ergänzung der Fehlstelle. Sichtbar sind geometrische Felder mit Einlagen aus rotem und gelblichem Stein sowie Elfenbein-Intarsien mit floralen und ornamentalen Mustern. Die schmalen Trennlinien sind mit feinen Zickzack-Mustern verziert.

Lose Furniere und Marketerie sichern

Lose Furniere wurden wieder ihrer korrekten Position zugeordnet und verleimt. Fehlstellen in den Furnieren der Schubladenfronten und Seiten wurden mit passenden Furnieren ergänzt.
Da das ursprünglich verwendete Cocobolo nicht verfügbar war, wurde dafür Palisander verwendet. Stellenweise kam auch Nussbaum zum Einsatz, wenn dessen Maserung besser passte. Auch fehlende Elfenbeinbereiche mussten ergänzt werden.

Bei den Ergänzungen ging es nicht darum, die Fehlstellen um jeden Preis unsichtbar zu machen. Vielmehr sollten sie sich harmonisch in das Gesamtbild einfügen und gleichzeitig als Ergänzungen nachvollziehbar bleiben.

Reinigung und Oberflächenbehandlung

Auch die Reinigung wurde sorgfältig auf die unterschiedlichen Materialien und Oberflächen abgestimmt.

Die Schubladenfronten wurden mit erwärmtem destilliertem Wasser und Evolontüchern gereinigt. Das übrige Möbel wurde trocken mit Naturkautschuk- und Akapadschwämmen gereinigt.

Ein später auf die Rahmenprofile der Schubladen aufgebrachter Nitrocelluloselack war inzwischen krepierte und wurde mechanisch entfernt. Anschliessend wurden die Oberflächen vorsichtig nachgereinigt.

Die Untersuchung der Oberflächen zeigte ausserdem einen mehrschichtigen Lackaufbau. An einer untersuchten Stelle konnten drei Lackschichten festgestellt werden. Die mittlere Schicht war schwarz-bräunlich eingefärbt (ein pigmentierter bzw. eingefärbter Lack); sie und die darüberliegende Schicht wurden als spätere Überfassungen interpretiert. Der Befund zeigt, dass die Oberfläche des Möbels im Laufe seiner Geschichte mehrfach verändert wurde.

Kabinettschrank: Frontansicht mit offenem Türchen (vor der Restaurierung)
Frontansicht des italienischen Kabinettschranks nach der Restaurierung

Restaurierung als Weitererzählen der Geschichte

Heute präsentiert sich der Kabinettschrank wieder als geschlossenes Ensemble.

Die Nachher-Aufnahmen zeigen den restaurierten Korpus mit seinen reichen Marketerien, den Elfenbeineinlagen, den farbigen Steinen und dem charakteristischen ebonisierten Gestell. Auch der Innenraum mit seinen zahlreichen Schubladen und der zentralen Tür wird wieder sichtbar. 

Für mich liegt der besondere Reiz dieses Möbels jedoch nicht nur in seiner dekorativen Wirkung.

Es ist die Tatsache, dass sich an ihm unterschiedliche Zeiten ablesen lassen. Originale Materialien, spätere Ergänzungen, Veränderungen und Restaurierungen sind miteinander verbunden.

Die Aufgabe der Restaurierung bestand deshalb nicht darin, diese Geschichte auszulöschen, sondern sie zu verstehen, die historische Substanz zu bewahren und das Möbel für die Zukunft zu sichern.

Restaurierungsdokumentation: Chaska Schuler und Marina Laschinger,
A. R. Goering Institut München, Objekt-Nr. 114, 2026.

Technische Zeichnung des italienischen Kabinettschranks

Erstellt von Chaska Schuler am A. R. Goering Institut in München.
Der Plan zeigt Front-, Seiten- und Schrägansicht sowie detaillierte Schnitte (A–A bis E–E) im Massstab 1:12 und Konstruktionsdetails im Massstab 1:5. Eingezeichnet sind die wesentlichen Masse sowie Hinweise zur Gehrungsfügung, Nutung und Schwalbenschwanzzinkung.

Technische Zeichnung des italienischen Kabinettschranks als PDF

Technische Zeichnung des italienischen Kabinettschrankes (17. Jh.) erstellt von Chaska Schuler am Goering-Institut. Der Plan zeigt Front-, Seiten- und Schrägansicht sowie detaillierte Schnitte (A-A bis E-E) im Maßstab 1:12 und Konstruktionsdetails im Maßstab 1:5. Eingezeichnet sind alle wesentlichen Maße und Hinweise zur Gehrungsfügung, Nutung und den Schwalbenschwanzzinkungen.

English Version:

Italian Cabinet – A Piece of Furniture with Multiple Lives

Restoration of an exceptional cabinet with marquetry, ivory and stone inlays

At first glance, this cabinet appears to be a cohesive historical ensemble: an elaborately crafted cabinet body with numerous drawers, a centrally positioned door flanked by turned glass columns, and a distinctive stand with four spirally turned legs.

Yet the conservation examination tells a much more complex story.

During the examination and restoration of the cabinet, it became apparent that the piece was probably assembled from components dating from different periods. Older panels featuring elaborate inlay work are thought to date originally from the mid-17th century.

They were probably incorporated at a later date into a 19th-century carcase. The ebonised stand also appears to have been made at a later date. It is therefore not possible to assign the entire piece to a single period of manufacture.

A piece of furniture in ebony, cocobolo and ivory

The decoration of the drawer fronts and carcase sides is particularly impressive.

The panels are decorated with cocobolo veneer and ivory. The marquetry features symmetrical, floral and figural ornament.
Fine engravings are visible in many of the ivory inlays. While the engravings on the cabinet sides have largely survived, only traces of the original fine detailing remain on the drawer fronts. The evidence suggests that the surfaces of the drawer fronts were subsequently sanded and then given a new coat of lacquer, resulting in the loss of parts of the finely engraved surface.

The material analysis produced a particularly interesting finding: based on the examinations carried out, the light-coloured inlays are probably mammoth ivory or aged elephant ivory.
A definitive distinction between mammoth ivory and aged elephant ivory was not possible based on the microscopic structure of the Schreger lines*. Plastics, bone, horn, and tagua nut, however, could be ruled out as possible materials.

For a historic piece of furniture, such material identification is far more than a technical detail. It helps us to better understand the object’s manufacture, subsequent alterations and present condition.

* The Schreger lines, named after the German anatomist and surgeon Bernhard Nathanael Gottlob Schreger (1766–1825), were first described in 1800. They form a characteristic cross-hatched pattern in the dentin of ivory. For distinguishing between mammoth and elephant ivory, particular attention is paid to the angles formed where the lines intersect. As these angles could not be reliably determined in the present microscopic examination, a definitive identification was not possible.

Stones, shells and later alterations

In addition to ivory and cocobolo, the marquetry incorporates a number of other decorative materials.

Among these are red agates, chalcedony and operculum shells, known as the “Eyes of Saint Lucy”. It is striking that these inlays partially interrupt the original marquetry. This suggests that these stone inlays were probably added at a later date.

The side panels also differ from the drawer fronts. Here, geometric ornamentation reminiscent of strapwork dominates, creating a distinctly less organic impression.

The cabinet therefore documents not only the craftsmanship of its original production, but also its own history: alterations, additions and repairs accumulated over an extended period of time.

A stand that was probably added later

The stand also deserves closer examination.

The carcase rests loosely on the stand and is held in position by a moulded profile running around its base. Four substantial, twisted column legs support the upper frame. They are connected by a Y-shaped stretcher and terminate in shaped, moulded ball feet. The visible surface of the stand is ebonised and finished with a silky, glossy lacquer.

The comparison between the carcase and its stand was particularly important for the art-historical assessment. The relatively good state of preservation of the stand suggests that it was also made at a later date.

Because of the unusual combination of materials and stylistic periods, no directly comparable piece of furniture could be identified.

This is what makes the cabinet particularly fascinating: it is not simply an example of furniture “from a single period”, but an object composed of several historical layers.

Restoration also means preserving traces of the past

Before the restoration, the piece showed numerous areas of damage and evidence of earlier interventions.
The veneer and marquetry displayed, among other things, fine cracks, losses, and inappropriate earlier additions. Parts of the ivory inlay were also missing.

The surfaces, too, showed varying states of preservation. While the drawer fronts and cabinet sides were generally well preserved, the top panel and the edges of the stand showed more pronounced wear and scratches. Thicker, partially flaking layers of lacquer had also accumulated on the drawer profiles and the moulding running around the upper edge of the cabinet.

There were also numerous traces of earlier repairs and alterations, including old, partially chalking black filler in the joints of the marquetry, as well as lacquer runs and overpainted areas in various parts of the piece.

The fittings and locks also showed damage and evidence of later interventions; some of the locks were stiff or damaged. As no keys were still available, two new ones had to be made during the restoration. One of the surviving glass columns was broken, while two further glass columns and their capitals were missing.

 

The aim of the restoration was to safeguard the historic material, reintegrate losses in a restrained manner, and bring the different states of preservation back into a coherent overall appearance—without erasing the traces of the piece’s history.

Missing profiles were reconstructed

Part of the restoration involved reconstructing missing profiles on the top, the drawers and the capitals.

The missing profiles on the top were made from fir with approximately 5 mm-thick ebony facings. The dimensions and curves of an existing profile were carefully measured and transferred onto paper. Based on this template, a profile scraper was made from tool steel. The prepared wooden blanks were then drawn through the stationary scraper, which shaped them to the desired profile.

The missing profiles on the drawers and column pedestals were reconstructed in the same way, using ebony. Because of the high hardness and density of ebony, this was particularly demanding. To reduce friction when drawing the blanks through the scraper, paraffin wax was applied to their underside.

For the shorter profiles around the small drawer and the capitals, clamping them in the holding device was not possible because the short pieces did not provide sufficient gripping surface. These profiles were therefore shaped entirely by hand using chisels and violin-maker’s planes.

Loose veneer and marquetry were secured

Loose veneers were returned to their correct positions and reattached. Losses in the veneer on the drawer fronts and sides were filled with matching veneers.

As the original cocobolo was not available, rosewood was used instead. In some areas, walnut was also used where its grain provided a better match. Missing areas of the ivory inlay also had to be reconstructed.

The aim of these additions was not to make the losses invisible at all costs. Rather, they were intended to integrate harmoniously into the overall appearance while remaining recognisable as later additions.

Cleaning and surface treatment

The cleaning process was also carefully adapted to the different materials and surfaces.

The drawer fronts were cleaned with warmed distilled water and Evolon cloths. The rest of the cabinet was cleaned dry using natural rubber and Akapad sponges.

A nitrocellulose lacquer that had been applied at a later date to the frame mouldings of the drawers had since become crazed and was mechanically removed. The surfaces were then carefully cleaned.

The examination of the surfaces also revealed a multi-layered coating structure. At one examined location, three layers of coating were identified. The middle layer was coloured a blackish brown (a pigmented or tinted coating); it and the layer above it were interpreted as later overcoatings. This finding shows that the surface of the piece had been altered and refinished several times over the course of its history.

Restoration as a continuation of the object’s story

Today, the cabinet once again presents itself as a coherent ensemble.

The after-restoration photographs show the restored carcase with its rich marquetry, ivory inlays, coloured stones and characteristic ebonised stand. The interior, with its numerous drawers and central door, is once again visible.

For me, however, the particular fascination of this piece lies not only in its decorative richness.

It is the fact that different periods can be read in the object itself. Original materials, later additions, alterations and restorations are all interconnected.

The task of conservation was therefore not to erase this history, but to understand it, preserve the historic material and safeguard the piece for the future.

Restoration documentation: Chaska Schuler and Marina Laschinger, A. R. Goering Institut Munich, Object No. 114, 2026.

Further reading: I have documented the detailed condition assessment and the resulting restoration concept in an earlier article:

Die ChaskART-Kurse 2027 sind online – ein neues Kapitel beginnt

Die ChaskART-Kurse 2027 sind online – ein neues Kapitel beginnt

The English version of my blog entry can be found below.

Es ist ein besonderer Moment für mich.

Nach fast neun Jahren Ausbildung, Weiterbildung und praktischer Erfahrung darf ich Ihnen die ersten Holzbearbeitungs- und Restaurierungskurse für das Kursjahr 2027 vorstellen.

Was lange ein persönlicher Traum war, wird nun Wirklichkeit: Mit der ChaskART Möbelmanufaktur & Restaurierung entsteht ein Ort für Möbelbau, Restaurierung und Holzhandwerk.

Den Auftakt macht im Januar 2027 die Projektwerkstatt. Weitere Holzbearbeitungskurse folgen im Laufe des Jahres.

Meine Reise begann mit der Ausbildung zur Schreinerin EFZ (Möbel/Innenausbau), die ich 2021 erfolgreich abschloss. Anschliessend vertiefte ich an der Chippendale International School of Furniture in Schottland meine Kenntnisse in Möbeldesign, Möbelherstellung und Restaurierung.
Es folgten eine Einführung in das japanische Schreiner- und Zimmererhandwerk in Frankreich sowie eine einjährige Weiterbildung als Möbelrestauratorin in der Werkstatt von Guillaume Bourgoin in Südfrankreich.

Einblick in die Werkstatt: Chaska Schuler trägt Schellackpolitur auf ein antikes Möbelstück auf.

Den Abschluss dieser intensiven Ausbildungszeit bildet mein Studium am Goering Institut in München, das ich im Sommer 2026 als staatlich geprüfte Restauratorin für Möbel und Holzobjekte erfolgreich abgeschlossen habe.

Auf diesem Weg durfte ich von vielen erfahrenen Handwerkerinnen und Handwerkern lernen, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Leidenschaft mit mir geteilt haben. Durch meine eigene praktische Arbeit konnte ich dieses Wissen, meine handwerklichen Fähigkeiten und mein Verständnis für Material und Konstruktion weiter vertiefen – Erfahrungen, die ich nun in meinen Kursen weitergeben möchte.

Mit der ChaskART Kurswerkstatt schaffe ich einen Ort, an dem Menschen die Freude am Arbeiten mit Holz entdecken, ihre handwerklichen Fähigkeiten weiterentwickeln und eigene Projekte verwirklichen können.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Freude am Handwerk, ein bewusster Umfang mit dem Material Holz sowie Sorgfalt und Präzision bei jedem Arbeitsschritt.

Sie lernen traditionelle Handwerkstechniken kennen, fertigen hochwertige Werkstücke aus Massivholz und erhalten Einblicke in konstruktive Lösungen, die sich über Generationen bewährt haben.

 

Das Kursangebot umfasst zwei Formate:

Kurzzeitkurse vermitteln in ein bis fünf Tagen ausgewählte Techniken und führen Schritt für Schritt zu einem fertigen Werkstück.

In der Projektwerkstatt steht hingegen Ihr persönliches Vorhaben im Mittelpunkt. Ob Sie ein Möbelstück bauen, ein Familienerbstück restaurieren oder einem bestehenden Objekt durch Reparatur oder Neugestaltung neues Leben schenken möchten – gemeinsam planen und verwirklichen wir Ihr Projekt.

Ich freue mich sehr, Sie auf diesem neuen Weg begleiten zu dürfen und vielleicht schon bald in meiner Werkstatt begrüssen zu können.

Die ersten Kurse für 2027 sind ab sofort online. Das Kursangebot wird in den kommenden Monaten laufend erweitert.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Entdecken des Kursprogramms und freue mich darauf, Sie vielleicht schon bald in der Chaskart-Kurswerkstatt begrüssen zu dürfen.

 

English Version:

A special moment for me.

After almost nine years of education, further training and practical experience, I am delighted to introduce the first woodworking and furniture restoration courses for 2027.
What has long been a personal dream is now becoming a reality: With ChaskART Furniture Making & Restoration, a place dedicated to furniture making, furniture restoration and traditional woodworking is coming to life.

The first course at the ChaskART Workshop will be the Project Workshop, starting in January 2027. Further woodworking courses will be added throughout the year.

My journey began with my apprenticeship as a Cabinet Maker specialising in Furniture and Interior Finishing, which I successfully completed in 2021 with the Swiss Federal Certificate of Competence (EFZ).

My next step took me to the Chippendale International School of Furniture in Scotland, where I further developed my skills in furniture design, furniture making and restoration.

This was followed by an introduction to Japanese carpentry and traditional timber framing in France, as well as a one-year period of advanced training in furniture restoration at the workshop of Guillaume Bourgoin in southern France.

The culmination of this intensive educational journey was my studies at the Goering Institute in Munich, where I graduated in summer 2026 as a state-certified furniture and wooden object conservator-restorer.

Throughout this journey, I had the privilege of learning from many experienced craftspeople who shared their knowledge, expertise and passion with me. Through my own practical work, I was able to further develop this knowledge, refine my craftsmanship and deepen my understanding of materials and construction – experiences that I now wish to share through my courses.

With the ChaskART Workshop, I am creating a place where people can discover the joy of working with wood, refine their craftsmanship and bring their own projects to life.

At the heart of this approach are a passion for craftsmanship, a mindful relationship with the material wood, and care and precision in every step of the process.

You will learn traditional woodworking techniques, create high-quality pieces from solid wood and gain insight into construction methods that have proven their value over generations.

 

The course programme includes two formats:

Short courses
Over one to five days, these courses introduce selected techniques and guide you step by step towards completing your own handcrafted piece.

Project Workshop
The focus here is your individual project. Whether you would like to build a piece of furniture, restore a family heirloom or give an existing object a new life through repair or redesign – together we will plan and realise your project step by step.

I am very much looking forward to accompanying you on this new journey and hopefully welcoming you to my workshop soon.

The first courses for 2027 are now available online. The course programme will continue to grow over the coming months.

I wish you great pleasure exploring the programme and look forward to welcoming you to the ChaskART Workshop.

 

Die menschliche Nuance

Die menschliche Nuance

The English version of my blog entry can be found below.

Warum mich Toshio Odates Gedanken zum Holzhandwerk tief berühren

Vor kurzem habe ich einen Text von Toshio Odate gelesen (vgl. Bild und pdf rechts; Quelle: @toshio_odate, 13.04.2026), der mich in einer seltenen Klarheit berührt hat.
Es war nicht einfach nur Zustimmung, sondern eher ein Wiedererkennen. Als hätte jemand Worte für etwas gefunden, das ich schon lange in mir trage, aber nie ganz so treffend aussprechen konnte. Toshio Odate beschreibt das Holzhandwerk nicht als rein technische Disziplin oder als blosse Summe von Fertigkeiten und Präzision, sondern hebt eine darüber hinausgehende, unsichtbare Dimension hervor, die einem Werkstück erst Leben verleiht. Gerade diese Gedanken bringen etwas auf den Punkt, das mich seit Langem im Handwerk begleitet:

 

Toshio Odate bearbeitet konzentriert ein Holzstück mit einem feinen Werkzeug neben einem Artikel über traditionelle Holzverarbeitung.

Holzbearbeitung ist nicht nur eine Frage sauberer, passgenauer Verbindungen, sondern auch eine Möglichkeit, Reichtum zu schaffen – so wie fruchtbarer Boden Nahrung bereichert.

Toshio Odate

Bildhauer, Kunsthandwerker, Autor und Pädagoge.

Ich habe eine vierjährige Schreinerlehre absolviert und als Schreinerin EFZ im Bereich Möbel und Innenausbau abgeschlossen. In meiner Ausbildung habe ich jedoch fast ausschliesslich mit Maschinen gearbeitet. Der Handhobel reduzierte sich in meiner Ausbildung im Wesentlichen auf das Fasen von Kanten. Handwerkzeuge wie Stechbeitel, japanische Zugsägen sowie Spezialhobel – etwa Grund-, Nut- oder Profilhobel – spielten praktisch keine Rolle. Vieles von dem, was für Jahrhunderte zum Kern des Schreinerhandwerks gehörte, ist heute im Alltag kaum noch präsent. Nicht, weil es wertlos wäre, sondern weil es in einer Ausbildung, die stark auf Effizienz, Wiederholung und maschinelle Abläufe ausgerichtet ist, kaum noch Platz findet.

Darin zeigt sich für mich ein grundlegendes Spannungsfeld. Denn die maschinelle und serielle Arbeit, wie sie heute in den meisten Schreinereien Realität ist, entspricht nur bedingt dem, was ich mit diesem Handwerk verbinde.
Gewiss: Maschinen haben ihren Platz. Sie können entlasten, beschleunigen, wiederholbare Genauigkeit ermöglichen. Doch dort, wo das Handwerk sich ganz dem Takt der Maschine, der Logik der Serie und einem ausschliesslich auf Effizienz und Gewinnmaximierung ausgerichteten Arbeiten unterordnet, geht etwas Entscheidendes verloren.
Es geht nicht nur um Maschinen und Werkzeuge – es geht um Haltung. Und diese Haltung zeigt sich in der Art des Arbeitens: im Umgang mit Handwerkzeugen, in Techniken wie Marketerie und Intarsien, im Vergolden, im Dampfbiegen, in durchdachten Verbindungen oder in sorgfältigen Oberflächenlösungen – von klassischen Ausführungen wie Schellackpolitur, Öl- oder Wachsauftrag bis hin zu heutigen Verfahren.

Erst so entfaltet sich die eigentliche Vielfalt des Handwerks – und mit ihr die Individualität eines Möbels. Zugleich ist es die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz selbst, die diese Art des Arbeitens trägt und dem Möbel Tiefe verleiht.

Der Begriff „Werkstoff“ greift dafür allerdings zu kurz, denn Holz ist für mich nicht bloss Material. Es ist gewachsene Zeit. Es trägt Spannung, Richtung, Charakter, Eigenwillen und Geschichte in sich – ein eigenes Leben.

Vielleicht berührt mich gerade deshalb auch Nakashimas „The Soul of a Tree“: die Vorstellung, dass der Baum im Möbel ein zweites Leben erhält. Nicht als abstrakter Rohstoff, sondern als verwandelte Gegenwart.
Auch Sam Maloof beschreibt diese Beziehung zwischen Handwerker und Material als etwas zutiefst Persönliches – getragen von Respekt, von Hingabe und von dem Bewusstsein, Teil von etwas Grösserem zu sein.

In diesem Verständnis liegt auch das, was Odate beschreibt: Die Qualität entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Material und Arbeit und wird im Werkstück als Ausdruck von Erfahrung, Geduld, Entscheidungen, Sorgfalt und Haltung erfahrbar.

Zwei Verbindungen können beide präzise sein – und doch spricht die eine mehr als die andere. Ein Möbel kann funktional sein und dennoch innerlich leer. Ein anderes kann dieselbe Funktion erfüllen und dabei Wärme, Ruhe und Stimmigkeit ausstrahlen.
Diese Qualität ist etwas, das sich kaum benennen lässt. Man spürt es.
Odate nennt es die menschliche Nuance – und genau darin zeigt sich für mich, was Handwerk ausmacht.

Vielleicht war genau diese Sehnsucht auch der Grund, weshalb ich nach meiner Lehre nicht einfach in den gewohnten Bahnen weitergehen konnte.
Stattdessen habe ich mich auf eine fünfjährige Lernreise begeben, die im kommenden Juli nun zu einem vorläufigen Abschluss kommt – auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass man in diesem Beruf nie ausgelernt hat.
Die Welt der Holzverarbeitung ist so gross, so reich und so vielschichtig, dass jeder Tag neue Fragen, neue Einsichten und neue Demut mit sich bringt. Je länger ich mich mit Holz befasse, desto mehr lerne ich, es nicht nur zu bearbeiten, sondern zu lesen.

Mich beeindruckt besonders das Wissen der alten Meister. Ihr Verständnis für das Holz war nicht nur technisch, sondern beinahe dialogisch. Sie wussten, wie sich ein Brett verhalten würde, wie ein Baum gewachsen war, wo Spannung sass und in welche Richtung es sich bewegen würde. Sie begegneten dem Holz aus ihrer Erfahrung heraus: in der Konstruktion, in der Auswahl des richtigen Brettes und in Verbindungen, die mit dem Material arbeiten. So entstanden Möbel, Fenster und Türen von einer Qualität, die Generationen überdauerten.

Wenn ich heute auf meinen Weg blicke, wird mir immer klarer, was den Unterschied ausmacht: Es ist die Art des Arbeitens – getragen von Aufmerksamkeit, im Respekt vor dem Material und frei von Hast – die das Ergebnis prägt und dem Werk jene menschliche Nuance verleiht, von der Odate spricht.

Ich entwerfe und baue Möbel aus Massivholz als Unikate – nicht für einen anonymen Markt, sondern für die Menschen und den Ort, an dem sie ihren Platz finden.
Vgl. dazu auch meine Facharbeit Bewährte Konstruktionsprinzipien und Materialien im Schrankbau: eine praxisbasierte Studie mit Prototyp.

In dieser Haltung entstehen in meiner Möbelmanufaktur und Restaurierungswerkstatt ab Januar 2027 neue Möbel – und bestehende Möbel werden bewahrt, restauriert und in ihrer Geschichte weitergeführt.

Chaska Schuler

English Version:

The Human Nuance

Why Toshio Odate’s reflections on woodworking resonate deeply with me

Recently, I read a text by Toshio Odate that touched me with a rare clarity (cf. image and PDF above; source: @toshio_odate, April 13, 2026).
It was not simply agreement, but rather a sense of recognition—as if someone had found words for something I have long carried within me, yet never quite managed to express so precisely.

Odate does not describe woodworking as a purely technical discipline or merely as a sum of skills and precision. Instead, he points to a dimension beyond that—an invisible quality that gives a piece its life. These thoughts articulate something that has accompanied me in my craft for a long time:

Woodworking is not only a matter of clean, tightly fit joinery,
but also a way to add richness, like rich soil adding nutrition to food.

Toshio Odate

Sculptor, woodworker, author and educator.

I completed a four-year apprenticeship as a cabinetmaker and graduated with a federal diploma (EFZ) in furniture making and interior construction. During my training, however, I worked almost exclusively with machines. The hand plane was largely reduced to chamfering edges. Hand tools such as chisels, Japanese pull saws, and specialized planes—like router planes, plow planes, or molding planes—played virtually no role. Much of what formed the core of woodworking for centuries is hardly present in everyday practice today—not because it has lost its value, but because there is little space for it in a training system shaped by efficiency, repetition, and machine-driven processes.

For me, this reveals a fundamental tension. The machine-based and serial work that defines most workshops today only partially corresponds to what I understand as craftsmanship.

Certainly, machines have their place. They can ease physical strain, increase speed, and enable repeatable precision. But where craftsmanship becomes entirely subordinated to the rhythm of machines, the logic of serial production, and a way of working focused solely on efficiency and profit maximization, something essential is lost.

It is not only about machines and tools—it is about attitude. And this attitude reveals itself in the way one works: in the use of hand tools, in techniques such as marquetry and inlay, in gilding, in steam bending, in thoughtful joinery, and in carefully executed surfaces—from traditional finishes such as shellac polishing, oiling, or waxing, to contemporary methods.

Only then does the true diversity of the craft unfold—and with it, the individuality of a piece of furniture. At the same time, it is the direct engagement with the material itself that sustains this way of working and gives depth to the object.

Yet the term “material” falls short. Wood, to me, is not merely a substance. It is time grown. It carries tension, direction, character, will, and history—its own kind of life.

Perhaps this is also why George Nakashima’s The Soul of a Tree resonates so deeply with me: the idea that a tree receives a second life within the furniture—not as an abstract raw material, but as a transformed presence.

Sam Maloof also describes this relationship between craftsperson and material as something deeply personal—shaped by respect, devotion, and an awareness of being part of something larger.

Within this understanding lies what Odate describes: quality emerges through the interplay of human, material, and work—and becomes tangible in the piece as an expression of experience, patience, decisions, care, and attitude.

Two joints may both be precise—and yet one speaks more than the other. A piece of furniture may be functional and still feel empty. Another may fulfill the same function while radiating warmth, calm, and coherence.

This quality is difficult to name. But it can be felt.

Odate calls it the human nuance—and for me, this is precisely what defines craftsmanship.

Perhaps it was this very longing that led me, after completing my apprenticeship, not to continue along the conventional path.

Instead, I embarked on a five-year journey of learning, which will come to a provisional conclusion this coming July—although I am deeply convinced that one never truly finishes learning in this profession.

The world of woodworking is so vast, so rich, and so layered that each day brings new questions, new insights, and a renewed sense of humility. The longer I work with wood, the more I learn not only to shape it, but to read it.

I am particularly inspired by the knowledge of the old masters. Their understanding of wood was not only technical, but almost dialogical. They knew how a board would behave, how a tree had grown, where tension lay, and in which direction it would move. They approached wood through experience: in construction, in the selection of the right board, and in joints that worked with the material rather than against it. In this way, furniture, windows, and doors were created with a quality that endured for generations.

When I look at my own path today, it becomes increasingly clear what makes the difference: it is the way of working—guided by attentiveness, respect for the material, and free from haste—that shapes the outcome and gives a piece that human nuance Odate speaks of.

I design and build furniture from solid wood as unique pieces—not for an anonymous market, but for the people and the places where they will find their home.

With this approach, from January 2027 onwards, new furniture will be created in my workshop, while existing pieces will be preserved, restored, and carried forward in their history.

Chaska Schuler

Florenz & Pisa – Eine Studienreise ins Herz der Renaissance

Florenz & Pisa – Eine Studienreise ins Herz der Renaissance

The English version of my blog entry can be found below.

Es gibt Reisen, die nicht einfach nur Orte verbinden, sondern Epochen.

Unsere Studienreise nach Florenz und Pisa war genau das: eine Bewegung durch Raum – und durch Zeit.

Zwischen Marmor, Macht und Meisterwerken entfaltete sich eine Geschichte, die bis heute nachwirkt.

Pisa – Macht, Meer und das langsame Verschwinden der Küste

Schon der erste Blick auf den Arno macht klar: Pisa ist mehr als nur sein berühmter Turm. Der Fluss war einst die Lebensader einer der bedeutendsten Seerepubliken des Mittelalters.

Was heute überrascht: Pisa liegt gar nicht mehr direkt am Meer. Doch im Mittelalter war das anders. Durch die ständige Ablagerung von Sedimenten schob der Arno die Küstenlinie über Jahrhunderte immer weiter nach Westen. Das Land wuchs – und Pisa entfernte sich langsam vom Meer.

Pisa wurde nicht vom Meer verlassen – es wurde von seinem eigenen Fluss dorthin zurückgedrängt.

Diese geografische Veränderung fiel in eine Zeit politischer Umbrüche. Pisa stand im Wettbewerb mit den grossen Seemächten Genua, Amalfi und Venedig – ein Kampf um Handelsrouten, Einfluss und maritime Vorherrschaft. Die Niederlage in der Schlacht von Meloria markierte dabei einen Wendepunkt: Pisa verlor seine dominante Stellung auf See.

Doch die vielleicht folgenreichste Rivalität lag näher – entlang des Arno selbst.

Flussaufwärts entwickelte sich mit Florenz eine aufstrebende Wirtschaftsmacht. Während Pisa den Zugang zum Meer kontrollierte, war Florenz genau darauf angewiesen. Was geografisch wie eine Verbindung erscheint, wurde politisch zum Konflikt.

Lange Zeit bestand eine pragmatische Abhängigkeit – doch mit dem Aufstieg von Florenz verschob sich das Gleichgewicht. Pisa wurde vom Partner zum Hindernis. 1406 eroberte Florenz schliesslich die Stadt und sicherte sich damit genau das, was es immer gebraucht hatte: den freien Zugang zum Meer.

Piazza dei Miracoli – Ein steinernes Manifest

Der Piazza dei Miracoli ist kein zufälliges Ensemble, sondern ein bewusst inszeniertes Machtzeichen. Im 11. Jahrhundert demonstrierte Pisa hier seinen Reichtum – finanziert durch Handelsgewinne und Kriegsbeute aus dem gesamten Mittelmeerraum.

    • Der Schiefe Turm von Pisa (Torre Pendente di Pisa) ist ein berühmtes Missgeschick. Der weiche Untergrund liess ihn schon beim Bau kippen. Weniger bekannt ist, dass sich genau dadurch die Bauzeit über fast zwei Jahrhunderte erstreckte – immer wieder unterbrochen, um Lösungen zu finden.
    • Der Dom von Pisa (Cattedrale di Santa Maria Assunta) vereint byzantinische, islamische und romanische Einflüsse. Er ist ein architektonischer Beleg dafür, wie vernetzt das mittelalterliche Mittelmeer war.
    • Das Baptisterium von Pisa fasziniert durch seine Akustik: Ein einzelner Ton entfaltet sich zu einem mehrstimmigen Klang – ein Zusammenspiel von Architektur und Physik.
    • Der Camposanto Monumentale birgt eine besondere Legende: Die Erde soll aus Golgatha stammen. Ein heiliger Ort – und ein Ausdruck religiöser Ambition.
Florenz – Die Geburt des neuen Menschen

Florenz ist kein Museum. Es ist ein Denkraum. Hier wurde nicht nur Kunst geschaffen – hier entstand ein neues Verständnis vom Menschen.

Der Kontext dazu liegt im Humanismus, der in Italien etwa im 14. Jahrhundert begann und die Renaissance kulturell und intellektuell erst möglich machte. Humanisten wie Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio oder Leonardo Bruni rückten den Menschen in den Mittelpunkt des Denkens: seine Würde, seine Fähigkeiten, seine Vernunft. Antike Texte wurden wiederentdeckt, Bildung und kritisches Denken galten als Mittel zur Entfaltung des Individuums.

Florenz wurde so zum Laboratorium des „neuen Menschen“:

    • In der Malerei erhielten Figuren erstmals Körperlichkeit, Emotion und Perspektive – sie waren nicht länger nur Symbole, sondern handelnde, fühlende Menschen.
    • In der Architektur richteten sich Proportionen und Harmonie am menschlichen Mass aus, z. B. bei Santa Maria del Fiore oder Santa Maria Novella.
    • In der Politik wurde die Idee des mündigen Bürgers geboren: aktiv, verantwortungsvoll, gestaltend.

Die Renaissance fragte: Was kann der Mensch leisten? Wie gestaltet er sein Leben und seine Welt? Diese Fragen führten zu einer tiefgreifenden Neubewertung der Rolle des Individuums – weg von göttlicher Vorherbestimmung hin zu Selbstbestimmung, Kreativität und Verantwortung.

Florenz heute – Werte in der Gegenwart

Doch die Ideale, die hier im 15. Jahrhundert geboren wurden, werden heute wieder in Frage gestellt. In einer Welt der schnellen Information, globalen Krisen und digitalen Kontrolle stehen Freiheit, Verantwortung und Individualität unter Druck. Fragen, die damals revolutionär waren, sind erneut aktuell:

    • Wie nutzen wir unsere Freiheit und unsere Möglichkeiten verantwortungsvoll?
    • Wie schaffen wir Balance zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl?
    • Welche Rolle spielen Ethik, Kreativität und Bildung in einer zunehmend komplexen Welt?

Florenz zeigt: Diese Fragen sind kein abgeschlossenes Kapitel. Die Stadt des „neuen Menschen“ lädt uns heute noch ein, über unsere Verantwortung, unsere Werte und unser Handeln nachzudenken. Jeder Blick auf Kuppeln, Fresken und Brücken wird so zum Spiegel unserer eigenen Möglichkeiten.

Der Blick von oben – San Miniato al Monte

Die Basilika San Miniato al Monte (1018 – 1207) thront über der Stadt. Von hier aus wird sichtbar, wie konzentriert diese kulturelle Explosion stattfand.

Ihre Fassade folgt strengen geometrischen Prinzipien – ein früher Ausdruck jener Ordnung, die später zur Grundlage der Renaissance werden sollte.

Santa Maria del Fiore – Die Kuppel als Revolution

Der Dom von Florenz (Cattedrale di Santa Maria del Fiore; 1296 – 1436) steht im Zentrum dieser Entwicklung.
Die Kuppel von Filippo Brunelleschi war ein technisches Wagnis. Ohne zentrales Gerüst konstruiert und mit einem raffinierten Ziegelmuster stabilisiert, markiert sie den Moment, in dem antikes Wissen neu gedacht wurde.

Orsanmichele – Wirtschaft wird sichtbar

Die Orsanmichele zeigt, wie eng Wirtschaft und Religion verflochten waren. Das Gebäude wurde ursprünglich im Jahr 1337 als Getreidespeicher (Loggia) errichtet und später in eine Kirche umgewandelt . Zugleich wurde es zur Bühne der Zünfte, die ihren Einfluss in Form von Skulpturen sichtbar machten.

Ponte Vecchio – Die Inszenierung des Alltags

Der Ponte Vecchio (1335 – 1345) war einst ein Ort rauer Realität: Metzger, Abfälle, Gerüche. Erst die Medici verwandelten ihn durch die Ansiedlung von Goldschmieden in das ikonische Bild, das wir heute kennen.
Der „Gang des Adels“ über der Ponte Vecchio in Florenz heisst Corridoio Vasariano (Vasari-Korridor). Er wurde 1565 von Giorgio Vasari im Auftrag der Medici errichtet, um den Palazzo Vecchio mit dem Palazzo Pitti zu verbinden. Dieser erhöhte, etwa einen Kilometer lange Geheimgang verlief direkt über den Geschäften der Brücke und ermöglichte es der Herrscherfamilie, sich sicher und unbemerkt vom Volk zwischen ihren Palästen zu bewegen.

Macht und Verwaltung – Palazzo Vecchio & Uffizien

Der Palazzo Vecchio (1299 – 1314) steht für die politische Ordnung der Republik – wehrhaft, funktional, bewusst kontrollierend.

Die Uffizien-Galerie (Galleria degli Uffizi; 1560 – 1581) zeigen einen weiteren Wandel: Verwaltung wird zur Sammlung, Bürokratie zur Kultur. Hier beginnt das moderne Verständnis von Museum.

Die Welt der Medici – Inszenierte Macht

Mit dem Palazzo Pitti (erste Bauphase 1458 – 1465, letzte Ausbauten 1631) und dem Boboli-Garten (ab etwa 1550 angelegt) schufen die Medici eine neue Form der Repräsentation. Natur wird gestaltet, Perspektiven werden inszeniert – Macht wird sichtbar gemacht.

Die Brancacci-Kapelle – Der Beginn der Wirklichkeit

In der Brancacci-Kapelle in der Kirche Santa Maria del Carmine (15. Jh.) – veränderte sich die Malerei grundlegend. Masaccio schuf Figuren mit Gewicht, Emotion und Raum.

Hier beginnt die Kunst, die Welt so darzustellen, wie wir sie sehen.

Das Bargello – Zwei Gesichter der Stadt

Der Palazzo del Bargello (1255 – 1261/1346) zeigt eine andere Seite von Florenz: Gericht, Gefängnis, Kontrolle. Die Stadt der Kunst war zugleich eine Stadt strenger Ordnung.

Die Medici und die Ewigkeit

Die Cappella dei Principi (1604 – 1640) ist ein Monument dynastischer Selbstinszenierung. Hier wird sichtbar, wie sich die Republik zur Fürstenherrschaft wandelte.

Die „Paradiestür“ – Ein neuer Blick

Die Paradiestür (Porta del Paradiso, 1452) am Baptisterium San Giovanni (1425 – 1452), geschaffen von Lorenzo Ghiberti, eröffnet eine neue Dimension von Raum, Perspektive, Tiefe. Ein Übergang von der mittelalterlichen zur modernen Bildsprache.

Santa Maria Novella – Architektur als Idee

Die Santa Maria Novella (1279 – 1357; Fassade: 1456 – 1470) vereint Glauben und Mathematik. Leon Battista Alberti schuf hier eine Fassade, die auf klaren Proportionen basiert – ein gebautes Denken.

Zwischen Zufall und Genie

Florenz und Pisa erzählen gemeinsam eine Geschichte, die grösser ist als ihre Monumente.

Hier begegnen sich Natur und Gestaltung, Macht und Abhängigkeit, Zufall und menschliche Genialität.

Zwischen einem schiefen Turm und einer perfekten Kuppel entsteht eine Frage, die bis heute nachhallt:

Was kann der Mensch erschaffen – und was entzieht sich seiner Kontrolle?

Und vielleicht liegt genau darin die Faszination dieser Reise:
Dass wir nicht nur Orte besuchen, sondern Ideen – die unsere Welt bis heute prägen.

English version

Florence & Pisa
– A Study Trip into the Heart of the Renaissance

Some journeys do more than connect places – they connect eras. Our study trip to Florence and Pisa was exactly that: a movement through space – and through time. Between marble, power, and masterpieces, a story unfolded that continues to resonate today.

Pisa – Power, the Sea, and the Slow Disappearance of the Coast

At first glance, the Arno River makes it clear: Pisa is more than just its famous tower. The river was once the lifeline of one of the most important maritime republics of the Middle Ages.

What surprises today: Pisa is no longer directly on the sea. But in the Middle Ages, it was different. Over centuries, the Arno deposited sediments that pushed the coastline further west. The land grew – and Pisa slowly moved away from the sea.

Pisa was not abandoned by the sea – it was pushed inland by its own river.

This geographic shift occurred during a time of political upheaval. Pisa competed with the great maritime powers of Genoa, Amalfi, and Venice – a struggle for trade routes, influence, and maritime dominance. The defeat at the Battle of Meloria marked a turning point: Pisa lost its dominant position at sea.

Yet the perhaps most consequential rivalry was closer – along the Arno itself.

Upstream, Florence emerged as a rising economic power. While Pisa controlled access to the sea, Florence depended on it. What seemed geographically like a natural connection became politically a conflict.

For a long time, there was a pragmatic interdependence – but with Florence’s rise, the balance shifted. Pisa went from partner to obstacle. In 1406, Florence finally conquered the city, securing exactly what it had always needed: free access to the sea.

Piazza dei Miracoli – A Stone Manifesto

The Piazza dei Miracoli is not a random ensemble, but a deliberately staged symbol of power. In the 11th century, Pisa demonstrated its wealth here – financed by trade profits and war spoils across the Mediterranean.

    • The Leaning Tower of Pisa (Torre Pendente di Pisa) is a famous accident. Its soft foundation caused it to tilt during construction. Less known is that this is why the building period stretched over nearly two centuries, repeatedly interrupted to find solutions.
    • Pisa Cathedral (Cattedrale di Santa Maria Assunta) combines Byzantine, Islamic, and Romanesque influences. It is an architectural testament to the interconnectedness of the medieval Mediterranean.
    • The Baptistery of Pisa fascinates with its acoustics: a single note unfolds into a multi-voiced sound – a dialogue of architecture and physics.
    • The Camposanto Monumentale carries a special legend: the soil is said to come from Golgotha. A sacred place – and an expression of religious ambition.

Florence – The Birth of the New Human

Florence is not a museum. It is a space for thinking. Here, not only art was created – here, a new understanding of humanity emerged.

The context lies in Humanism, which began in Italy around the 14th century and made the Renaissance culturally and intellectually possible. Humanists such as Francesco Petrarch, Giovanni Boccaccio, and Leonardo Bruni placed humans at the center of thought: their dignity, abilities, and reason. Ancient texts were rediscovered, education and critical thinking became means of developing the individual.

Florence became the laboratory of the “new human”:

    • In painting, figures gained corporeality, emotion, and perspective for the first time – no longer just symbols, but acting, feeling humans.
    • In architecture, proportions and harmony were aligned to human scale, as seen in Santa Maria del Fiore or Santa Maria Novella.
    • In politics, the idea of the responsible, active citizen was born – empowered to shape society.

The Renaissance asked: What can humans achieve? How do they shape their life and their world? These questions led to a profound reassessment of the individual’s role – moving from divine predestination to self-determination, creativity, and responsibility.

Florence Today – Values in the Present

Yet the ideals born here in the 15th century are being questioned again today. In a world of rapid information, global crises, and digital control, freedom, responsibility, and individuality are under pressure. Questions that were revolutionary then remain urgent:

    • How do we use our freedom and abilities responsibly?
    • How do we balance self-interest with the common good?
    • What role do ethics, creativity, and education play in an increasingly complex world?

Florence shows that these questions are not a closed chapter. The city of the “new human” still invites us to reflect on our responsibility, values, and actions. Every view of domes, frescoes, and bridges becomes a mirror of our own potential.

The View from Above – San Miniato al Monte

The Basilica of San Miniato al Monte towers above the city. From here, the concentration of this cultural explosion becomes visible. Its façade follows strict geometric principles – an early expression of the order that would become the foundation of the Renaissance.

Santa Maria del Fiore – The Dome as Revolution

Florence Cathedral (Cattedrale di Santa Maria del Fiore) lies at the center of this development. The dome by Filippo Brunelleschi was a technical gamble. Constructed without a central scaffold and stabilized by an ingenious brick pattern, it marks the moment when ancient knowledge was rethought.

Orsanmichele – Economy Made Visible

Orsanmichele shows how closely economy and religion were intertwined. Originally a grain store, the building became a church – and simultaneously a stage for the guilds, which displayed their influence through sculptures.

Ponte Vecchio – The Staging of Everyday Life

The Ponte Vecchio was once a place of harsh reality: butchers, waste, and odors. The Medici transformed it by establishing goldsmiths, creating the iconic bridge we know today.

The “Noble Walk” above the Ponte Vecchio in Florence is called the Corridoio Vasariano (Vasari Corridor). It was built in 1565 by Giorgio Vasari on behalf of the Medici to connect the Palazzo Vecchio with the Palazzo Pitti. This elevated, approximately one-kilometer-long secret passage ran directly above the shops on the bridge, allowing the ruling family to move safely and unseen by the public between their palaces.

Power and Administration – Palazzo Vecchio & Uffizi

Palazzo Vecchio embodies the political order of the Republic – fortified, functional, consciously controlling.
The Uffizi Gallery (Galleria degli Uffizi) demonstrates another shift: administration becomes collection, bureaucracy becomes culture. Here begins the modern concept of a museum.

The World of the Medici – Staged Power

With Palazzo Pitti and the Boboli Gardens, the Medici created a new form of representation. Nature is shaped, perspectives staged – power made visible.

The Brancacci Chapel – The Beginning of Reality

In the Brancacci Chapel, painting underwent a fundamental transformation. Masaccio created figures with weight, emotion, and spatial depth. Here, art begins to depict the world as we see it.

The Bargello – Two Faces of the City

Palazzo del Bargello reveals another side of Florence: court, prison, control. The city of art was simultaneously a city of strict order.

The Medici and Eternity

The Cappella dei Principi is a monument of dynastic self-presentation. Here, the transformation from republic to princely rule becomes visible.

The “Gates of Paradise” – A New Perspective

The Porta del Paradiso by Lorenzo Ghiberti opens a new dimension: space, perspective, depth. A transition from medieval to modern visual language.

Santa Maria Novella – Architecture as Idea

Santa Maria Novella unites faith and mathematics. Leon Battista Alberti designed a façade based on clear proportions – architecture as a form of thought.

Between Chance and Genius

Florence and Pisa together tell a story larger than their monuments. Here, nature meets design, power meets dependency, and chance meets human ingenuity.

Between a leaning tower and a perfect dome emerges a question that resonates to this day:

What can humans create – and what eludes their control?

And perhaps therein lies the fascination of this journey: that we do not visit only places, but ideas – ideas that continue to shape our world.

Holzbildhauerei

Holzbildhauerei

The English version of my blog entry can be found below.

Schnitzkurs

Drei Tage Schnitzen bei Max Valentin Fischer – ein echtes Highlight.

Danke für dieses inspirierende Erlebnis! 🌿🪓

Mehr zu Valentin:

Seine Arbeit vereint traditionelle Bildhauerei mit Naturmaterialien und einen spürbaren Respekt vor der Natur.

Auf seiner Website https://www.mavalfi.com erfährt man mehr über seine Tätigkeit als Bildhauer (seit 2021) und Restaurator (seit 2024).

Instagram: @mavalfi

Carving course

Three days of wood carving with Max Valentin Fischer – a real highlight.

Thank you for this inspiring experience! 🌿🪓

 

More about Valentin:
His work combines traditional sculpture with natural materials and a deep respect for nature.

Further information about his work as a sculptor (since 2021) and restorer (since 2024) is available on his website www.mavalfi.com.

Instagram: @mavalfi