Die menschliche Nuance

Die menschliche Nuance

The English version of my blog entry can be found below.

Warum mich Toshio Odates Gedanken zum Holzhandwerk tief berühren

Vor kurzem habe ich einen Text von Toshio Odate gelesen (vgl. Bild und pdf rechts; Quelle: @toshio_odate, 13.04.2026), der mich in einer seltenen Klarheit berührt hat.
Es war nicht einfach nur Zustimmung, sondern eher ein Wiedererkennen. Als hätte jemand Worte für etwas gefunden, das ich schon lange in mir trage, aber nie ganz so treffend aussprechen konnte. Toshio Odate beschreibt das Holzhandwerk nicht als rein technische Disziplin oder als blosse Summe von Fertigkeiten und Präzision, sondern hebt eine darüber hinausgehende, unsichtbare Dimension hervor, die einem Werkstück erst Leben verleiht. Gerade diese Gedanken bringen etwas auf den Punkt, das mich seit Langem im Handwerk begleitet:

 

Toshio Odate bearbeitet konzentriert ein Holzstück mit einem feinen Werkzeug neben einem Artikel über traditionelle Holzverarbeitung.

Holzbearbeitung ist nicht nur eine Frage sauberer, passgenauer Verbindungen, sondern auch eine Möglichkeit, Reichtum zu schaffen – so wie fruchtbarer Boden Nahrung bereichert.

Toshio Odate

Bildhauer, Kunsthandwerker, Autor und Pädagoge.

Ich habe eine vierjährige Schreinerlehre absolviert und als Schreinerin EFZ im Bereich Möbel und Innenausbau abgeschlossen. In meiner Ausbildung habe ich jedoch fast ausschliesslich mit Maschinen gearbeitet. Der Handhobel reduzierte sich in meiner Ausbildung im Wesentlichen auf das Fasen von Kanten. Handwerkzeuge wie Stechbeitel, japanische Zugsägen sowie Spezialhobel – etwa Grund-, Nut- oder Profilhobel – spielten praktisch keine Rolle. Vieles von dem, was für Jahrhunderte zum Kern des Schreinerhandwerks gehörte, ist heute im Alltag kaum noch präsent. Nicht, weil es wertlos wäre, sondern weil es in einer Ausbildung, die stark auf Effizienz, Wiederholung und maschinelle Abläufe ausgerichtet ist, kaum noch Platz findet.

Darin zeigt sich für mich ein grundlegendes Spannungsfeld. Denn die maschinelle und serielle Arbeit, wie sie heute in den meisten Schreinereien Realität ist, entspricht nur bedingt dem, was ich mit diesem Handwerk verbinde.
Gewiss: Maschinen haben ihren Platz. Sie können entlasten, beschleunigen, wiederholbare Genauigkeit ermöglichen. Doch dort, wo das Handwerk sich ganz dem Takt der Maschine, der Logik der Serie und einem ausschliesslich auf Effizienz und Gewinnmaximierung ausgerichteten Arbeiten unterordnet, geht etwas Entscheidendes verloren.
Es geht nicht nur um Maschinen und Werkzeuge – es geht um Haltung. Und diese Haltung zeigt sich in der Art des Arbeitens: im Umgang mit Handwerkzeugen, in Techniken wie Marketerie und Intarsien, im Vergolden, im Dampfbiegen, in durchdachten Verbindungen oder in sorgfältigen Oberflächenlösungen – von klassischen Ausführungen wie Schellackpolitur, Öl- oder Wachsauftrag bis hin zu heutigen Verfahren.

Erst so entfaltet sich die eigentliche Vielfalt des Handwerks – und mit ihr die Individualität eines Möbels. Zugleich ist es die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz selbst, die diese Art des Arbeitens trägt und dem Möbel Tiefe verleiht.

Der Begriff „Werkstoff“ greift dafür allerdings zu kurz, denn Holz ist für mich nicht bloss Material. Es ist gewachsene Zeit. Es trägt Spannung, Richtung, Charakter, Eigenwillen und Geschichte in sich – ein eigenes Leben.

Vielleicht berührt mich gerade deshalb auch Nakashimas „The Soul of a Tree“: die Vorstellung, dass der Baum im Möbel ein zweites Leben erhält. Nicht als abstrakter Rohstoff, sondern als verwandelte Gegenwart.
Auch Sam Maloof beschreibt diese Beziehung zwischen Handwerker und Material als etwas zutiefst Persönliches – getragen von Respekt, von Hingabe und von dem Bewusstsein, Teil von etwas Grösserem zu sein.

In diesem Verständnis liegt auch das, was Odate beschreibt: Die Qualität entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Material und Arbeit und wird im Werkstück als Ausdruck von Erfahrung, Geduld, Entscheidungen, Sorgfalt und Haltung erfahrbar.

Zwei Verbindungen können beide präzise sein – und doch spricht die eine mehr als die andere. Ein Möbel kann funktional sein und dennoch innerlich leer. Ein anderes kann dieselbe Funktion erfüllen und dabei Wärme, Ruhe und Stimmigkeit ausstrahlen.
Diese Qualität ist etwas, das sich kaum benennen lässt. Man spürt es.
Odate nennt es die menschliche Nuance – und genau darin zeigt sich für mich, was Handwerk ausmacht.

Vielleicht war genau diese Sehnsucht auch der Grund, weshalb ich nach meiner Lehre nicht einfach in den gewohnten Bahnen weitergehen konnte.
Stattdessen habe ich mich auf eine fünfjährige Lernreise begeben, die im kommenden Juli nun zu einem vorläufigen Abschluss kommt – auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass man in diesem Beruf nie ausgelernt hat.
Die Welt der Holzverarbeitung ist so gross, so reich und so vielschichtig, dass jeder Tag neue Fragen, neue Einsichten und neue Demut mit sich bringt. Je länger ich mich mit Holz befasse, desto mehr lerne ich, es nicht nur zu bearbeiten, sondern zu lesen.

Mich beeindruckt besonders das Wissen der alten Meister. Ihr Verständnis für das Holz war nicht nur technisch, sondern beinahe dialogisch. Sie wussten, wie sich ein Brett verhalten würde, wie ein Baum gewachsen war, wo Spannung sass und in welche Richtung es sich bewegen würde. Sie begegneten dem Holz aus ihrer Erfahrung heraus: in der Konstruktion, in der Auswahl des richtigen Brettes und in Verbindungen, die mit dem Material arbeiten. So entstanden Möbel, Fenster und Türen von einer Qualität, die Generationen überdauerten.

Wenn ich heute auf meinen Weg blicke, wird mir immer klarer, was den Unterschied ausmacht: Es ist die Art des Arbeitens – getragen von Aufmerksamkeit, im Respekt vor dem Material und frei von Hast – die das Ergebnis prägt und dem Werk jene menschliche Nuance verleiht, von der Odate spricht.

Ich entwerfe und baue Möbel aus Massivholz als Unikate – nicht für einen anonymen Markt, sondern für die Menschen und den Ort, an dem sie ihren Platz finden.
Vgl. dazu auch meine Facharbeit Bewährte Konstruktionsprinzipien und Materialien im Schrankbau: eine praxisbasierte Studie mit Prototyp.

In dieser Haltung entstehen in meiner Möbelmanufaktur und Restaurierungswerkstatt ab Januar 2027 neue Möbel – und bestehende Möbel werden bewahrt, restauriert und in ihrer Geschichte weitergeführt.

Chaska Schuler

English Version:

The Human Nuance

Why Toshio Odate’s reflections on woodworking resonate deeply with me

Recently, I read a text by Toshio Odate that touched me with a rare clarity (cf. image and PDF above; source: @toshio_odate, April 13, 2026).
It was not simply agreement, but rather a sense of recognition—as if someone had found words for something I have long carried within me, yet never quite managed to express so precisely.

Odate does not describe woodworking as a purely technical discipline or merely as a sum of skills and precision. Instead, he points to a dimension beyond that—an invisible quality that gives a piece its life. These thoughts articulate something that has accompanied me in my craft for a long time:

Woodworking is not only a matter of clean, tightly fit joinery,
but also a way to add richness, like rich soil adding nutrition to food.

Toshio Odate

Sculptor, woodworker, author and educator.

I completed a four-year apprenticeship as a cabinetmaker and graduated with a federal diploma (EFZ) in furniture making and interior construction. During my training, however, I worked almost exclusively with machines. The hand plane was largely reduced to chamfering edges. Hand tools such as chisels, Japanese pull saws, and specialized planes—like router planes, plow planes, or molding planes—played virtually no role. Much of what formed the core of woodworking for centuries is hardly present in everyday practice today—not because it has lost its value, but because there is little space for it in a training system shaped by efficiency, repetition, and machine-driven processes.

For me, this reveals a fundamental tension. The machine-based and serial work that defines most workshops today only partially corresponds to what I understand as craftsmanship.

Certainly, machines have their place. They can ease physical strain, increase speed, and enable repeatable precision. But where craftsmanship becomes entirely subordinated to the rhythm of machines, the logic of serial production, and a way of working focused solely on efficiency and profit maximization, something essential is lost.

It is not only about machines and tools—it is about attitude. And this attitude reveals itself in the way one works: in the use of hand tools, in techniques such as marquetry and inlay, in gilding, in steam bending, in thoughtful joinery, and in carefully executed surfaces—from traditional finishes such as shellac polishing, oiling, or waxing, to contemporary methods.

Only then does the true diversity of the craft unfold—and with it, the individuality of a piece of furniture. At the same time, it is the direct engagement with the material itself that sustains this way of working and gives depth to the object.

Yet the term “material” falls short. Wood, to me, is not merely a substance. It is time grown. It carries tension, direction, character, will, and history—its own kind of life.

Perhaps this is also why George Nakashima’s The Soul of a Tree resonates so deeply with me: the idea that a tree receives a second life within the furniture—not as an abstract raw material, but as a transformed presence.

Sam Maloof also describes this relationship between craftsperson and material as something deeply personal—shaped by respect, devotion, and an awareness of being part of something larger.

Within this understanding lies what Odate describes: quality emerges through the interplay of human, material, and work—and becomes tangible in the piece as an expression of experience, patience, decisions, care, and attitude.

Two joints may both be precise—and yet one speaks more than the other. A piece of furniture may be functional and still feel empty. Another may fulfill the same function while radiating warmth, calm, and coherence.

This quality is difficult to name. But it can be felt.

Odate calls it the human nuance—and for me, this is precisely what defines craftsmanship.

Perhaps it was this very longing that led me, after completing my apprenticeship, not to continue along the conventional path.

Instead, I embarked on a five-year journey of learning, which will come to a provisional conclusion this coming July—although I am deeply convinced that one never truly finishes learning in this profession.

The world of woodworking is so vast, so rich, and so layered that each day brings new questions, new insights, and a renewed sense of humility. The longer I work with wood, the more I learn not only to shape it, but to read it.

I am particularly inspired by the knowledge of the old masters. Their understanding of wood was not only technical, but almost dialogical. They knew how a board would behave, how a tree had grown, where tension lay, and in which direction it would move. They approached wood through experience: in construction, in the selection of the right board, and in joints that worked with the material rather than against it. In this way, furniture, windows, and doors were created with a quality that endured for generations.

When I look at my own path today, it becomes increasingly clear what makes the difference: it is the way of working—guided by attentiveness, respect for the material, and free from haste—that shapes the outcome and gives a piece that human nuance Odate speaks of.

I design and build furniture from solid wood as unique pieces—not for an anonymous market, but for the people and the places where they will find their home.

With this approach, from January 2027 onwards, new furniture will be created in my workshop, while existing pieces will be preserved, restored, and carried forward in their history.

Chaska Schuler

Florenz & Pisa – Eine Studienreise ins Herz der Renaissance

Florenz & Pisa – Eine Studienreise ins Herz der Renaissance

The English version of my blog entry can be found below.

Es gibt Reisen, die nicht einfach nur Orte verbinden, sondern Epochen.

Unsere Studienreise nach Florenz und Pisa war genau das: eine Bewegung durch Raum – und durch Zeit.

Zwischen Marmor, Macht und Meisterwerken entfaltete sich eine Geschichte, die bis heute nachwirkt.

Pisa – Macht, Meer und das langsame Verschwinden der Küste

Schon der erste Blick auf den Arno macht klar: Pisa ist mehr als nur sein berühmter Turm. Der Fluss war einst die Lebensader einer der bedeutendsten Seerepubliken des Mittelalters.

Was heute überrascht: Pisa liegt gar nicht mehr direkt am Meer. Doch im Mittelalter war das anders. Durch die ständige Ablagerung von Sedimenten schob der Arno die Küstenlinie über Jahrhunderte immer weiter nach Westen. Das Land wuchs – und Pisa entfernte sich langsam vom Meer.

Pisa wurde nicht vom Meer verlassen – es wurde von seinem eigenen Fluss dorthin zurückgedrängt.

Diese geografische Veränderung fiel in eine Zeit politischer Umbrüche. Pisa stand im Wettbewerb mit den grossen Seemächten Genua, Amalfi und Venedig – ein Kampf um Handelsrouten, Einfluss und maritime Vorherrschaft. Die Niederlage in der Schlacht von Meloria markierte dabei einen Wendepunkt: Pisa verlor seine dominante Stellung auf See.

Doch die vielleicht folgenreichste Rivalität lag näher – entlang des Arno selbst.

Flussaufwärts entwickelte sich mit Florenz eine aufstrebende Wirtschaftsmacht. Während Pisa den Zugang zum Meer kontrollierte, war Florenz genau darauf angewiesen. Was geografisch wie eine Verbindung erscheint, wurde politisch zum Konflikt.

Lange Zeit bestand eine pragmatische Abhängigkeit – doch mit dem Aufstieg von Florenz verschob sich das Gleichgewicht. Pisa wurde vom Partner zum Hindernis. 1406 eroberte Florenz schliesslich die Stadt und sicherte sich damit genau das, was es immer gebraucht hatte: den freien Zugang zum Meer.

Piazza dei Miracoli – Ein steinernes Manifest

Der Piazza dei Miracoli ist kein zufälliges Ensemble, sondern ein bewusst inszeniertes Machtzeichen. Im 11. Jahrhundert demonstrierte Pisa hier seinen Reichtum – finanziert durch Handelsgewinne und Kriegsbeute aus dem gesamten Mittelmeerraum.

    • Der Schiefe Turm von Pisa (Torre Pendente di Pisa) ist ein berühmtes Missgeschick. Der weiche Untergrund liess ihn schon beim Bau kippen. Weniger bekannt ist, dass sich genau dadurch die Bauzeit über fast zwei Jahrhunderte erstreckte – immer wieder unterbrochen, um Lösungen zu finden.
    • Der Dom von Pisa (Cattedrale di Santa Maria Assunta) vereint byzantinische, islamische und romanische Einflüsse. Er ist ein architektonischer Beleg dafür, wie vernetzt das mittelalterliche Mittelmeer war.
    • Das Baptisterium von Pisa fasziniert durch seine Akustik: Ein einzelner Ton entfaltet sich zu einem mehrstimmigen Klang – ein Zusammenspiel von Architektur und Physik.
    • Der Camposanto Monumentale birgt eine besondere Legende: Die Erde soll aus Golgatha stammen. Ein heiliger Ort – und ein Ausdruck religiöser Ambition.
Florenz – Die Geburt des neuen Menschen

Florenz ist kein Museum. Es ist ein Denkraum. Hier wurde nicht nur Kunst geschaffen – hier entstand ein neues Verständnis vom Menschen.

Der Kontext dazu liegt im Humanismus, der in Italien etwa im 14. Jahrhundert begann und die Renaissance kulturell und intellektuell erst möglich machte. Humanisten wie Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio oder Leonardo Bruni rückten den Menschen in den Mittelpunkt des Denkens: seine Würde, seine Fähigkeiten, seine Vernunft. Antike Texte wurden wiederentdeckt, Bildung und kritisches Denken galten als Mittel zur Entfaltung des Individuums.

Florenz wurde so zum Laboratorium des „neuen Menschen“:

    • In der Malerei erhielten Figuren erstmals Körperlichkeit, Emotion und Perspektive – sie waren nicht länger nur Symbole, sondern handelnde, fühlende Menschen.
    • In der Architektur richteten sich Proportionen und Harmonie am menschlichen Mass aus, z. B. bei Santa Maria del Fiore oder Santa Maria Novella.
    • In der Politik wurde die Idee des mündigen Bürgers geboren: aktiv, verantwortungsvoll, gestaltend.

Die Renaissance fragte: Was kann der Mensch leisten? Wie gestaltet er sein Leben und seine Welt? Diese Fragen führten zu einer tiefgreifenden Neubewertung der Rolle des Individuums – weg von göttlicher Vorherbestimmung hin zu Selbstbestimmung, Kreativität und Verantwortung.

Florenz heute – Werte in der Gegenwart

Doch die Ideale, die hier im 15. Jahrhundert geboren wurden, werden heute wieder in Frage gestellt. In einer Welt der schnellen Information, globalen Krisen und digitalen Kontrolle stehen Freiheit, Verantwortung und Individualität unter Druck. Fragen, die damals revolutionär waren, sind erneut aktuell:

    • Wie nutzen wir unsere Freiheit und unsere Möglichkeiten verantwortungsvoll?
    • Wie schaffen wir Balance zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl?
    • Welche Rolle spielen Ethik, Kreativität und Bildung in einer zunehmend komplexen Welt?

Florenz zeigt: Diese Fragen sind kein abgeschlossenes Kapitel. Die Stadt des „neuen Menschen“ lädt uns heute noch ein, über unsere Verantwortung, unsere Werte und unser Handeln nachzudenken. Jeder Blick auf Kuppeln, Fresken und Brücken wird so zum Spiegel unserer eigenen Möglichkeiten.

Der Blick von oben – San Miniato al Monte

Die Basilika San Miniato al Monte (1018 – 1207) thront über der Stadt. Von hier aus wird sichtbar, wie konzentriert diese kulturelle Explosion stattfand.

Ihre Fassade folgt strengen geometrischen Prinzipien – ein früher Ausdruck jener Ordnung, die später zur Grundlage der Renaissance werden sollte.

Santa Maria del Fiore – Die Kuppel als Revolution

Der Dom von Florenz (Cattedrale di Santa Maria del Fiore; 1296 – 1436) steht im Zentrum dieser Entwicklung.
Die Kuppel von Filippo Brunelleschi war ein technisches Wagnis. Ohne zentrales Gerüst konstruiert und mit einem raffinierten Ziegelmuster stabilisiert, markiert sie den Moment, in dem antikes Wissen neu gedacht wurde.

Orsanmichele – Wirtschaft wird sichtbar

Die Orsanmichele zeigt, wie eng Wirtschaft und Religion verflochten waren. Das Gebäude wurde ursprünglich im Jahr 1337 als Getreidespeicher (Loggia) errichtet und später in eine Kirche umgewandelt . Zugleich wurde es zur Bühne der Zünfte, die ihren Einfluss in Form von Skulpturen sichtbar machten.

Ponte Vecchio – Die Inszenierung des Alltags

Der Ponte Vecchio (1335 – 1345) war einst ein Ort rauer Realität: Metzger, Abfälle, Gerüche. Erst die Medici verwandelten ihn durch die Ansiedlung von Goldschmieden in das ikonische Bild, das wir heute kennen.
Der „Gang des Adels“ über der Ponte Vecchio in Florenz heisst Corridoio Vasariano (Vasari-Korridor). Er wurde 1565 von Giorgio Vasari im Auftrag der Medici errichtet, um den Palazzo Vecchio mit dem Palazzo Pitti zu verbinden. Dieser erhöhte, etwa einen Kilometer lange Geheimgang verlief direkt über den Geschäften der Brücke und ermöglichte es der Herrscherfamilie, sich sicher und unbemerkt vom Volk zwischen ihren Palästen zu bewegen.

Macht und Verwaltung – Palazzo Vecchio & Uffizien

Der Palazzo Vecchio (1299 – 1314) steht für die politische Ordnung der Republik – wehrhaft, funktional, bewusst kontrollierend.

Die Uffizien-Galerie (Galleria degli Uffizi; 1560 – 1581) zeigen einen weiteren Wandel: Verwaltung wird zur Sammlung, Bürokratie zur Kultur. Hier beginnt das moderne Verständnis von Museum.

Die Welt der Medici – Inszenierte Macht

Mit dem Palazzo Pitti (erste Bauphase 1458 – 1465, letzte Ausbauten 1631) und dem Boboli-Garten (ab etwa 1550 angelegt) schufen die Medici eine neue Form der Repräsentation. Natur wird gestaltet, Perspektiven werden inszeniert – Macht wird sichtbar gemacht.

Die Brancacci-Kapelle – Der Beginn der Wirklichkeit

In der Brancacci-Kapelle in der Kirche Santa Maria del Carmine (15. Jh.) – veränderte sich die Malerei grundlegend. Masaccio schuf Figuren mit Gewicht, Emotion und Raum.

Hier beginnt die Kunst, die Welt so darzustellen, wie wir sie sehen.

Das Bargello – Zwei Gesichter der Stadt

Der Palazzo del Bargello (1255 – 1261/1346) zeigt eine andere Seite von Florenz: Gericht, Gefängnis, Kontrolle. Die Stadt der Kunst war zugleich eine Stadt strenger Ordnung.

Die Medici und die Ewigkeit

Die Cappella dei Principi (1604 – 1640) ist ein Monument dynastischer Selbstinszenierung. Hier wird sichtbar, wie sich die Republik zur Fürstenherrschaft wandelte.

Die „Paradiestür“ – Ein neuer Blick

Die Paradiestür (Porta del Paradiso, 1452) am Baptisterium San Giovanni (1425 – 1452), geschaffen von Lorenzo Ghiberti, eröffnet eine neue Dimension von Raum, Perspektive, Tiefe. Ein Übergang von der mittelalterlichen zur modernen Bildsprache.

Santa Maria Novella – Architektur als Idee

Die Santa Maria Novella (1279 – 1357; Fassade: 1456 – 1470) vereint Glauben und Mathematik. Leon Battista Alberti schuf hier eine Fassade, die auf klaren Proportionen basiert – ein gebautes Denken.

Zwischen Zufall und Genie

Florenz und Pisa erzählen gemeinsam eine Geschichte, die grösser ist als ihre Monumente.

Hier begegnen sich Natur und Gestaltung, Macht und Abhängigkeit, Zufall und menschliche Genialität.

Zwischen einem schiefen Turm und einer perfekten Kuppel entsteht eine Frage, die bis heute nachhallt:

Was kann der Mensch erschaffen – und was entzieht sich seiner Kontrolle?

Und vielleicht liegt genau darin die Faszination dieser Reise:
Dass wir nicht nur Orte besuchen, sondern Ideen – die unsere Welt bis heute prägen.

English version

Florence & Pisa
– A Study Trip into the Heart of the Renaissance

Some journeys do more than connect places – they connect eras. Our study trip to Florence and Pisa was exactly that: a movement through space – and through time. Between marble, power, and masterpieces, a story unfolded that continues to resonate today.

Pisa – Power, the Sea, and the Slow Disappearance of the Coast

At first glance, the Arno River makes it clear: Pisa is more than just its famous tower. The river was once the lifeline of one of the most important maritime republics of the Middle Ages.

What surprises today: Pisa is no longer directly on the sea. But in the Middle Ages, it was different. Over centuries, the Arno deposited sediments that pushed the coastline further west. The land grew – and Pisa slowly moved away from the sea.

Pisa was not abandoned by the sea – it was pushed inland by its own river.

This geographic shift occurred during a time of political upheaval. Pisa competed with the great maritime powers of Genoa, Amalfi, and Venice – a struggle for trade routes, influence, and maritime dominance. The defeat at the Battle of Meloria marked a turning point: Pisa lost its dominant position at sea.

Yet the perhaps most consequential rivalry was closer – along the Arno itself.

Upstream, Florence emerged as a rising economic power. While Pisa controlled access to the sea, Florence depended on it. What seemed geographically like a natural connection became politically a conflict.

For a long time, there was a pragmatic interdependence – but with Florence’s rise, the balance shifted. Pisa went from partner to obstacle. In 1406, Florence finally conquered the city, securing exactly what it had always needed: free access to the sea.

Piazza dei Miracoli – A Stone Manifesto

The Piazza dei Miracoli is not a random ensemble, but a deliberately staged symbol of power. In the 11th century, Pisa demonstrated its wealth here – financed by trade profits and war spoils across the Mediterranean.

    • The Leaning Tower of Pisa (Torre Pendente di Pisa) is a famous accident. Its soft foundation caused it to tilt during construction. Less known is that this is why the building period stretched over nearly two centuries, repeatedly interrupted to find solutions.
    • Pisa Cathedral (Cattedrale di Santa Maria Assunta) combines Byzantine, Islamic, and Romanesque influences. It is an architectural testament to the interconnectedness of the medieval Mediterranean.
    • The Baptistery of Pisa fascinates with its acoustics: a single note unfolds into a multi-voiced sound – a dialogue of architecture and physics.
    • The Camposanto Monumentale carries a special legend: the soil is said to come from Golgotha. A sacred place – and an expression of religious ambition.

Florence – The Birth of the New Human

Florence is not a museum. It is a space for thinking. Here, not only art was created – here, a new understanding of humanity emerged.

The context lies in Humanism, which began in Italy around the 14th century and made the Renaissance culturally and intellectually possible. Humanists such as Francesco Petrarch, Giovanni Boccaccio, and Leonardo Bruni placed humans at the center of thought: their dignity, abilities, and reason. Ancient texts were rediscovered, education and critical thinking became means of developing the individual.

Florence became the laboratory of the “new human”:

    • In painting, figures gained corporeality, emotion, and perspective for the first time – no longer just symbols, but acting, feeling humans.
    • In architecture, proportions and harmony were aligned to human scale, as seen in Santa Maria del Fiore or Santa Maria Novella.
    • In politics, the idea of the responsible, active citizen was born – empowered to shape society.

The Renaissance asked: What can humans achieve? How do they shape their life and their world? These questions led to a profound reassessment of the individual’s role – moving from divine predestination to self-determination, creativity, and responsibility.

Florence Today – Values in the Present

Yet the ideals born here in the 15th century are being questioned again today. In a world of rapid information, global crises, and digital control, freedom, responsibility, and individuality are under pressure. Questions that were revolutionary then remain urgent:

    • How do we use our freedom and abilities responsibly?
    • How do we balance self-interest with the common good?
    • What role do ethics, creativity, and education play in an increasingly complex world?

Florence shows that these questions are not a closed chapter. The city of the “new human” still invites us to reflect on our responsibility, values, and actions. Every view of domes, frescoes, and bridges becomes a mirror of our own potential.

The View from Above – San Miniato al Monte

The Basilica of San Miniato al Monte towers above the city. From here, the concentration of this cultural explosion becomes visible. Its façade follows strict geometric principles – an early expression of the order that would become the foundation of the Renaissance.

Santa Maria del Fiore – The Dome as Revolution

Florence Cathedral (Cattedrale di Santa Maria del Fiore) lies at the center of this development. The dome by Filippo Brunelleschi was a technical gamble. Constructed without a central scaffold and stabilized by an ingenious brick pattern, it marks the moment when ancient knowledge was rethought.

Orsanmichele – Economy Made Visible

Orsanmichele shows how closely economy and religion were intertwined. Originally a grain store, the building became a church – and simultaneously a stage for the guilds, which displayed their influence through sculptures.

Ponte Vecchio – The Staging of Everyday Life

The Ponte Vecchio was once a place of harsh reality: butchers, waste, and odors. The Medici transformed it by establishing goldsmiths, creating the iconic bridge we know today.

The “Noble Walk” above the Ponte Vecchio in Florence is called the Corridoio Vasariano (Vasari Corridor). It was built in 1565 by Giorgio Vasari on behalf of the Medici to connect the Palazzo Vecchio with the Palazzo Pitti. This elevated, approximately one-kilometer-long secret passage ran directly above the shops on the bridge, allowing the ruling family to move safely and unseen by the public between their palaces.

Power and Administration – Palazzo Vecchio & Uffizi

Palazzo Vecchio embodies the political order of the Republic – fortified, functional, consciously controlling.
The Uffizi Gallery (Galleria degli Uffizi) demonstrates another shift: administration becomes collection, bureaucracy becomes culture. Here begins the modern concept of a museum.

The World of the Medici – Staged Power

With Palazzo Pitti and the Boboli Gardens, the Medici created a new form of representation. Nature is shaped, perspectives staged – power made visible.

The Brancacci Chapel – The Beginning of Reality

In the Brancacci Chapel, painting underwent a fundamental transformation. Masaccio created figures with weight, emotion, and spatial depth. Here, art begins to depict the world as we see it.

The Bargello – Two Faces of the City

Palazzo del Bargello reveals another side of Florence: court, prison, control. The city of art was simultaneously a city of strict order.

The Medici and Eternity

The Cappella dei Principi is a monument of dynastic self-presentation. Here, the transformation from republic to princely rule becomes visible.

The “Gates of Paradise” – A New Perspective

The Porta del Paradiso by Lorenzo Ghiberti opens a new dimension: space, perspective, depth. A transition from medieval to modern visual language.

Santa Maria Novella – Architecture as Idea

Santa Maria Novella unites faith and mathematics. Leon Battista Alberti designed a façade based on clear proportions – architecture as a form of thought.

Between Chance and Genius

Florence and Pisa together tell a story larger than their monuments. Here, nature meets design, power meets dependency, and chance meets human ingenuity.

Between a leaning tower and a perfect dome emerges a question that resonates to this day:

What can humans create – and what eludes their control?

And perhaps therein lies the fascination of this journey: that we do not visit only places, but ideas – ideas that continue to shape our world.

Holzbildhauerei

Holzbildhauerei

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Schnitzkurs

Drei Tage Schnitzen bei Max Valentin Fischer – ein echtes Highlight.

Danke für dieses inspirierende Erlebnis! 🌿🪓

Mehr zu Valentin:

Seine Arbeit vereint traditionelle Bildhauerei mit Naturmaterialien und einen spürbaren Respekt vor der Natur.

Auf seiner Website https://www.mavalfi.com erfährt man mehr über seine Tätigkeit als Bildhauer (seit 2021) und Restaurator (seit 2024).

Instagram: @mavalfi

Carving course

Three days of wood carving with Max Valentin Fischer – a real highlight.

Thank you for this inspiring experience! 🌿🪓

 

More about Valentin:
His work combines traditional sculpture with natural materials and a deep respect for nature.

Further information about his work as a sculptor (since 2021) and restorer (since 2024) is available on his website www.mavalfi.com.

Instagram: @mavalfi

Der Art Lovers Carver Arm Chair – Mackintoshs Entwurf wurde Wirklichkeit

Der Art Lovers Carver Arm Chair –
Mackintoshs Entwurf wurde Wirklichkeit

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Als Charles Rennie Mackintosh Anfang 1900 in Kontakt mit der Wiener Secession trat, begann eine der fruchtbarsten und folgenreichsten kulturellen Verbindungen innerhalb der europäischen Jugendstilbewegung.
Die Begegnung mit Persönlichkeiten wie Josef Hoffmann, Koloman Moser und dem Mäzen Fritz Waerndorfer führte zu einem intensiven Austausch, der Mackintoshs Werk ebenso prägte wie das der Wiener Designer und ihrer Studenten. Die von Mackintosh und Margaret MacDonald entworfenen breiten Gesso-Paneele, die auf der achten Secessionsausstellung präsentiert wurden, beeinflussten auch Gustav Klimts Werk und fanden ihren Widerhall im Beethovenfries der vierzehnten Secessionsausstellung.

Im Sommer 1900 sandte Mackintosh u.a. Fotografien seiner eigenen Wohnung an den Maler Carl Moll, den Präsidenten der Wiener Secession. Diese wurden 1901, zusammen mit Ansichten von Mackintoshs Secessionszimmer, in der Secessionszeitschrift Ver Sacrum veröffentlicht und hinterliessen einen nachhaltigen Eindruck. Die präzise Beherrschung der Raumgestaltung, die Reduktion der Möbel und die konsequente Durchgestaltung von Architektur, Ausstattung und Ornamente waren für viele Wiener Gestalter neu. Mackintoshs Arbeiten galten als ausserordentlich modern und wirkten wie ein Katalysator: Zahlreiche Wiener Designer und Studierende sollten seine Entwürfe in den folgenden Jahren aufgreifen, variieren und weiterentwickeln.

In genau diesem Umfeld erfuhr Mackintosh während seines Wien-Besuchs (Oktober bis Dezember 1900) auch von einem Wettbewerb, der im Dezember 1900 in der deutschen Zeitschrift Innendekoration angekündigt wurde. Herausgegeben von Alexander Koch in Darmstadt, suchte der Wettbewerb Entwürfe für ein „Haus eines Kunstfreundes“. Einsendeschluss war der 25. März 1901.

House for an Art Lover, C.R. Mackintosh - gemeinfrei (via Wikimedia Commons)
Das Speisezimmer im 'Haus eines Kunstfreunds' - gemeinfrei (via Wikimedia Commons)

Mackintosh reichte seinen Entwurf für das „Haus eines Kunstfreundes“ ein, wurde jedoch zunächst disqualifiziert, da er nicht die geforderte Anzahl an Innenperspektiven abgegeben hatte.

Die Qualität seiner Zeichnungen in Verbindung mit der Modernität seiner Ansichten brachte Mackintosh jedoch einen Sonderpreis von 600 Mark ein – eine bemerkenswerte Würdigung, zumal kein erster Preis vergeben wurde.

Alexander Koch gab ausgewählte Wettbewerbsbeiträge als eigenständige Portfolios heraus. 1902 veröffentlichte er auch die Entwürfe Mackintoshs – inklusive der fertiggestellten Innenperspektiven –, die unter dem Titel Meister der Innenkunst erschienen und über seine Zeitschriften ein Publikum in ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten fanden.
Auf diese Weise wurde Mackintoshs visionäres Raum- und Möbelkonzept einem internationalen Publikum bekannt, obwohl das Haus selbst nie realisiert wurde.

Die Originalzeichnungen sollen 1944 verloren gegangen sein, als Alexander Kochs Verlag bei einem britischen Luftangriff zerstört wurde.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Speisezimmer des Hauses eines Kunstfreundes. Im Gegensatz zum opulenten Empfangsraum und Musikzimmer ist es dunkler, ruhiger und strenger gestaltet. Dunkle, getäfelte Wände und Möbel werden durch eine weisse Gewölbedecke, fünfzehn Gipsplatten und einen hellen Teppich ausbalanciert. Die Wände und Schränke sind mit schablonierten Paneelen versehen – ein zentrales Gestaltungsmittel Mackintoshs, das geometrische Strenge mit ornamentaler Feinheit verbindet.

Esszimmer in Charles Rennie Mackintoshs 'House For An Art Lover' (Alamy Stock Photo, Lizenz erworben)

Diese Schablonenmotive finden sich nicht nur in den Wänden und Einbaumöbeln, sondern auch in den Stühlen selbst wieder. Am Tisch sind lediglich zwei hohe Armlehnstühle dargestellt – die später als Art Lovers Carver Chairs bekannt wurden –, deren schlanke, sich verjüngende Rückenlehnen von Kopf bis Fuss durchlaufen. Diese Stühle, ebenso wie andere Möbel dieses Hauses, blieben viele Jahrzehnte reine Entwürfe auf Papier.

Erst über 80 Jahre später begann sich Mackintoshs Traum zu materialisieren. 1989 entstand in Glasgow die Initiative, das House for an Art Lover nach den originalen Entwürfen zu bauen. Die Umsetzung war komplex und langwierig. 1995 wurde Bruce Hamilton Furniture Makers mit der Herstellung der Möbel für das Esszimmer beauftragt.

Mit nur wenigen überlieferten Informationen aus dem Mackintosh-Portfolio und in enger Abstimmung mit Mackintosh-Forschern fertigte Bruce Hamilton massstäbliche Werkstattzeichnungen der Esszimmergarnitur an – seine Interpretation von Mackintoshs Aquarellen.

Die Möbelstücke wurden als originale Mackintosh-Möbel gefertigt, wenngleich sie 67 Jahre nach seinem Tod entstanden. Bis heute arbeitet Bruce Hamilton mit denselben Schablonen und Vorrichtungen.

Argyle Chair & Art Lovers Carver Arm Chair von Bruce Hamilton
Argyle Chair & Art Lovers Carver Arm Chair von Bruce Hamilton

Die dekorative Schablonenarbeit an den Stuhlrücken wird dabei von Elisabeth Viguie Culshaw vom Lansdowne House of Stencils ausgeführt, die diese anspruchsvolle Technik mit grosser Sensibilität weiterführt.

Wie die Entstehungsgeschichte zeigt, nimmt der Art Lovers Carver Arm Chair eine aussergewöhnliche Stellung ein: Da Charles Rennie Mackintosh diesen Stuhl selbst nie gebaut hat, wird er durch diese Ausführung tatsächlich zu einem Original – nicht als historisches Objekt aus der Zeit um 1900, sondern als späte, präzise und respektvolle Realisierung einer Idee, die ihrer Zeit weit voraus war.

Elisabeth Viguie Culshaw of Landsdowne House of Stencils

Der Art Lovers Carver Arm Chair steht damit exemplarisch für Mackintoshs Wirkung auf die Wiener Secession, für seinen Einfluss auf die europäische Moderne und für die Kraft von Entwürfen, die Jahrzehnte überdauern können.

Er erzählt von Visionen, von kulturellem Austausch, von Handwerk auf höchstem Niveau – und davon, dass manche Ideen einfach auf ihre Zeit warten müssen.

Quellen:

  • Billcliffe, Roger. Mackintosh Furniture. First edition. New York: E. P. Dutton, 1985. 

  • Cosgrove, James, ed. House for an Art Lover: Charles Rennie Mackintosh. Glasgow: House For An Art Lover, 2004.
  • Blake, Fanny. Essential Charles Rennie Mackintosh. Bath: Parragon, 2004.

Mein Dank geht an Bruce Hamilton für die Werkstattbilder sowie an Elisabeth Viguie Culshaw für die Fotos der Schablonenarbeit.

Die Zeichnungen von Charles Rennie Mackintosh zum Speisezimmer und zum „House for an Art Lover“ sind gemeinfrei (via Wikimedia Commons).

Das Esszimmer im House for an Art Lover, Ballahouston Park, Glasgow.
Foto: © Alamy Stock Photo

Interessante Links zum Thema:

 

English Version:

The Art Lovers Carver Arm Chair – Mackintosh’s Design Brought to Life

When Charles Rennie Mackintosh came into contact with the Vienna Secession at the beginning of 1900, one of the most fertile and consequential cultural connections within the European Art Nouveau movement began to take shape.

Encounters with figures such as Josef Hoffmann, Koloman Moser, and the patron Fritz Waerndorfer led to an intensive exchange that shaped Mackintosh’s work as much as it did that of the Viennese designers and their students. The broad gesso panels designed by Mackintosh and Margaret MacDonald, which were presented at the Eighth Secession Exhibition, also influenced Gustav Klimt’s work and found their echo in the Beethoven Frieze of the Fourteenth Secession Exhibition.

In the summer of 1900, Mackintosh sent, among other materials, photographs of his own apartment to the painter Carl Moll, President of the Vienna Secession. These were published in 1901, together with views of Mackintosh’s Secession Room, in the Secessionist journal Ver Sacrum, where they made a lasting impression. The precise command of spatial composition, the reduction of furniture, and the consistent integration of architecture, furnishings, and ornamentation were new to many Viennese designers. Mackintosh’s works were regarded as exceptionally modern and acted as a catalyst: numerous Viennese designers and students would take up his designs in the following years, adapting, varying, and further developing them.

It was within this very context that Mackintosh also learned, during his visit to Vienna (October to December 1900), of a competition announced in December 1900 in the German journal Innendekoration. Edited by Alexander Koch in Darmstadt, the competition sought designs for a “House for an Art Lover.” The submission deadline was 25 March 1901.

Mackintosh submitted his design for the House for an Art Lover but was initially disqualified because he had not provided the required number of interior perspectives. Nevertheless, the quality of his drawings, combined with the modernity of his vision, earned him a special prize of 600 marks—a remarkable distinction, particularly as no first prize was awarded.

Alexander Koch published selected competition entries as independent portfolios. In 1902, he also published Mackintosh’s designs—including the completed interior perspectives—under the title Meister der Innenkunst (Masters of Interior Design). Through Koch’s journals, these works reached an audience throughout Europe as well as in the United States.

In this way, Mackintosh’s visionary concept of space and furniture became known to an international audience, even though the house itself was never realized.

The original drawings are believed to have been lost in 1944, when Alexander Koch’s publishing house was destroyed during a British air raid.

Particular attention should be given to the dining room of the House for an Art Lover. In contrast to the opulent reception room and music room, it is conceived as darker, calmer, and more restrained. Dark, panelled walls and furniture are balanced by a white vaulted ceiling, fifteen plaster panels, and a light-coloured carpet. The walls and cabinets are fitted with stencilled panels—one of Mackintosh’s central design devices, combining geometric rigor with ornamental delicacy.

These stencil motifs appear not only on the walls and built-in furniture but also on the chairs themselves. At the table, only two high-backed armchairs are depicted—later known as the Art Lovers Carver Chairs—whose slender, tapering backrests run uninterrupted from top to bottom. These chairs, like many other pieces of furniture designed for this house, remained purely conceptual works on paper for many decades.

Only more than eighty years later did Mackintosh’s vision begin to materialize. In 1989, an initiative was launched in Glasgow to build the House for an Art Lover according to the original designs. The realization was complex and protracted, and in 1995 Bruce Hamilton Furniture Makers were commissioned to produce the dining room furniture.

Working with only limited surviving information from the Mackintosh portfolio and in close consultation with Mackintosh scholars, Bruce Hamilton produced full-scale workshop drawings for the dining room suite—his interpretation of Mackintosh’s watercolours.

The pieces of furniture were made as original Mackintosh furniture, even though they were produced sixty-seven years after his death. To this day, Bruce Hamilton continues to work using the same templates and jigs.

The decorative stencil work on the chair backs is carried out by Elisabeth Viguie Culshaw of the Lansdowne House of Stencils, who continues this demanding technique with great sensitivity.

As the history of its creation demonstrates, the Art Lovers Carver Arm Chair occupies an exceptional position. Since Charles Rennie Mackintosh never built this chair himself, it becomes—through this execution—an original in its own right: not a historical object from around 1900, but a late, precise, and respectful realization of an idea that was far ahead of its time.

The Art Lovers Carver Arm Chair thus stands as an exemplar of Mackintosh’s impact on the Vienna Secession, his influence on European Modernism, and the enduring power of designs that can transcend decades.

It tells a story of vision, of cultural exchange, of craftsmanship at the highest level—and of the fact that some ideas simply need to wait for their time.

Sources:

 

  • Billcliffe, Roger. Mackintosh Furniture. First edition. New York: E. P. Dutton, 1985. 
  • Cosgrove, James, ed. House for an Art Lover: Charles Rennie Mackintosh. Glasgow: House For An Art Lover, 2004.
  • Blake, Fanny. Essential Charles Rennie Mackintosh. Bath: Parragon, 2004.

Acknowledgements:

My thanks go to Bruce Hamilton for the workshop photos and to Elisabeth Viguie Culshaw for the photos of the stencil work.

The drawings by Charles Rennie Mackintosh of the dining room and the House for an Art Lover are in the public domain (via Wikimedia Commons).

Dining room, House for an Art Lover, Ballahouston Park, Glasgow.
Photo: © Alamy Stock Photo

Further links of interest:

Facharbeit am Goering Institut, München

Facharbeit am Goering Institut, München

The English version of my blog entry can be found below.

Bewährte Konstruktionsprinzipien und Materialien im Schrankbau: eine praxisbasierte Studie mit Prototyp

Meine Facharbeit beschäftigt sich mit bewährten Schrankkonstruktionen und nachhaltigem Möbelbau. 

Ziel war es, historische Prinzipien und Materialien vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Beginn der Moderne zu analysieren und daraus einen zeitgemäßen Möbelprototyp zu entwickeln – ein Stück, das Generationen überdauert, nachhaltig und restaurierungsfreundlich ist.

Die zentralen Erkenntnisse stammen aus persönlichen Interviews und Umfragen mit Restauratorinnen und Restauratoren, deren Praxiserfahrungen in die Gestaltung und Konstruktion des Prototyps eingeflossen sind.

Dabei zeigt die Arbeit, dass wir Restaurierende nicht nur Wissen und Objekte bewahren, sondern auch wertvolle Impulse für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Möbelbau geben können.

Das Möbel verbindet klare, reduzierte Formen mit einer traditionellen und teils überschobenen Rahmen-Füllungskonstruktion aus Edelkastanie. Dieses Holz überzeugt durch seine Dauerhaftigkeit, warme Farbe, feine Maserung und eine rund 20 % geringere Dichte im Vergleich zu Eiche. Damit ist es ein leichtes, dennoch robustes Holz, das sich im hochwertigen Möbelbau bewährt hat.

Durch das Keilsystem, den reversiblen Glutinleim und formstabile Verbindungen wie Schwalbenschwanz oder die japanische Eckverbindung 隠し留め蟻三枚ほぞ (Kakushi Tome Ari Sanmai Hozo) bleibt das Möbel zerlegbar und einfach restaurierbar. Zugleich wird die sichtbare Konstruktion Teil der Gestaltung – und macht das Möbel über Generationen hinweg nachhaltig nutzbar.

Gravuren auf den Schubladenböden dokumentieren die Entstehungsgeschichte für zukünftige Restaurierende.

Das Ergebnis: Ein Möbelstück, das Handwerk, Tradition und zeitgenössische Gestaltung vereint – schlicht, beständig und voller Geschichte.

Mein besonderer Dank gilt allen Restaurierenden, die sich an der Umfrage beteiligt oder für ein persönliches Interview zur Verfügung gestellt haben. Ihre Expertise hat diese Arbeit massgeblich bereichert.

     

    English Version:

    Proven Construction Principles and Materials in Cabinetmaking: A Practice-Based Study with Prototype

     

    My thesis explores time-tested cabinetmaking constructions and sustainable furniture design. Its aim was to analyse historical principles and materials from the early 19th century up to the dawn of the modern era and to translate them into a contemporary furniture prototype—one that is long-lasting, sustainable, and easy to restore.

    My central findings derive from personal interviews and surveys with experienced conservators, whose hands-on experience informed the design and construction of the prototype. The work emphasizes that conservators not only preserve knowledge and objects, but do also provide valuable impulses for responsible, sustainable approaches to furniture making.

    The piece combines clear, reduced forms with a traditional, partially overlapping frame-and-panel construction made of sweet chestnut. This timber stands out for its durability, warm colour, fine grain, and a density roughly 20% lower than oak. As a result, it is lightweight yet robust—an established material in high-quality furniture making.

    Through the use of a wedge system, reversible hide glue, and dimensionally stable joints such as dovetails or the Japanese corner joint 隠し留め蟻三枚ほぞ (Kakushi Tome Ari Sanmai Hozo), the furniture remains demountable and easy to restore. At the same time, the visible construction becomes an integral part of the design, allowing the piece to remain functional and sustainable for generations.

    Engravings on the drawer bottoms record the making of the piece for future conservators.

    The result is a piece of furniture that unites craftsmanship, tradition, and contemporary design—simple, enduring, and full of history.

     

    My sincere thanks go to all conservators who contributed to the survey or agreed to a personal interview. Their expertise and support greatly enriched this project.

    Elfenbeinschatulle, Rokoko

    Elfenbeinschatulle, Rokoko

    The English version of my blog entry can be found below.

    Der Deckel dieser runden Elfenbeinschatulle (Ø ~9 cm) zeigt ein elegant gekleidetes Paar – einen Kavalier in Kniebundhose, Gehrock und Dreispitz sowie eine Dame in ausladendem Kleid mit Spitze und höfischer Frisur – vor parkähnlicher Architektur mit Baum, Zäunen und einem architektonischen Portal. Ein kleiner Hund begleitet die Szene und symbolisiert Treue.

    Hinter der Dame steht leicht versetzt eine zweite Frau, vermutlich eine Zofe oder Anstandsdame, die das Paar beobachtet. Ihr ruhiger Ausdruck und die Platzierung direkt hinter der Hauptfigur deuten auf eine dienende, aber vertraute Position hin – sie ist Zeugin eines höfischen Flirts oder möglicherweise Mitwisserin.

    Solche Nebenfiguren waren in galanten oder höfischen Darstellungen des 18. Jahrhunderts üblich und dienten dazu, die gesellschaftliche Hierarchie, Etikette und die soziale Situation zu veranschaulichen.

    Die Komposition ist typisch für das Rokoko und den Übergang zum frühen Biedermeier (ca. 1770–1820): galante Liebesszenen, florale Ornamentik, fein ausgearbeitete Details und die Einbindung von Nebenfiguren als dramaturgische Mittel waren beliebt in Elfenbeinschnitzereien dieser Epoche. Die Darstellung von höfischem Liebeswerben in gepflegten Aussenanlagen spiegelt die Vorlieben der bürgerlichen und adligen Kreise in Deutschland und Frankreich wider.

    Der Boden und die Innenwand der Schatulle, einschliesslich derjenigen des Deckels, sind mit Schildpatt belegt, das mit rotem Japanpapier hinterlegt ist.

    Ein Spannungsriss wurde zu einem früheren Zeitpunkt verklebt, und das Motiv mit Wachs überzogen. Im Laufe der Zeit diffundierte die rote Farbe des Japanpapiers stellenweise durch das Elfenbein.

    Restaurierungsmassnahmen:

    • Entfernung der verhärteten Wachsschicht mit Skalpell, teilweise unter UV-Licht
    • Verspachtelung des Spannungsrisses mit Kreidegrund
    • Absperrung mit Schellack
    • Retusche mit Mussini Harz-Ölfarben

    Ein herzliches Dankeschön geht an Anne Denk für ihre Einführung und fachliche Begleitung.
    👉🏽 https://goeringinstitut.de/

    English Version:

    Ivory Box with Courting Scene

    On the lid (Ø ~9 cm) is a finely crafted ivory relief depicting an elegantly dressed couple — a cavalier in knee breeches, frock coat, and tricorn hat, and a lady in a voluminous gown adorned with lace and a courtly hairstyle — set before a park-like architectural backdrop with a tree, fences, and an ornamental gateway.  A small dog accompanies the scene, symbolizing fidelity.

    Behind the lady, slightly offset, stands a second woman — likely a maid or chaperone — observing the couple. Her calm expression and placement directly behind the main figure suggest a serving yet familiar role: she appears as a witness to a courtly flirtation or perhaps as a confidante.

    Such secondary figures were common in 18th-century galant and courtly scenes, helping to illustrate social hierarchy, etiquette, and the subtleties of interaction within the depicted milieu.

    The composition is characteristic of the Rococo and the transition to early Biedermeier (c. 1770–1820): gallant love scenes, floral ornamentation, finely executed details, and the inclusion of secondary figures as narrative devices were popular features in ivory carvings of this period. The portrayal of courtly courtship in cultivated outdoor settings reflects the aesthetic preferences of both bourgeois and aristocratic circles in Germany and France.

    The interior walls and base of the lid are framed with tortoiseshell, backed with red Japan paper.
    A stress crack had previously been glued, and the surface coated with wax. Over time, the red pigment from the Japan paper has partially migrated through the ivory.

    Restoration:
    • Removal of the hardened wax layer with a scalpel, partly under UV light
    • Filling of the stress crack with chalk ground
    • Sealing with shellac
    • Retouching with Mussini resin-oil paints

    With sincere thanks to Anne Denk for her introduction and professional guidance.
    👉🏽 https://goeringinstitut.de/