Der Art Lovers Carver Arm Chair – Mackintoshs Entwurf wurde Wirklichkeit

Der Art Lovers Carver Arm Chair – Mackintoshs Entwurf wurde Wirklichkeit

The English version of my blog entry can be found below.

Als Charles Rennie Mackintosh Anfang 1900 in Kontakt mit der Wiener Secession trat, begann eine der fruchtbarsten und folgenreichsten kulturellen Verbindungen innerhalb der europäischen Jugendstilbewegung.
Die Begegnung mit Persönlichkeiten wie Josef Hoffmann, Koloman Moser und dem Mäzen Fritz Waerndorfer führte zu einem intensiven Austausch, der Mackintoshs Werk ebenso prägte wie das der Wiener Designer und ihrer Studenten. Die von Mackintosh und Margaret MacDonald entworfenen breiten Gesso-Paneele, die auf der achten Secessionsausstellung präsentiert wurden, beeinflussten auch Gustav Klimts Werk und fanden ihren Widerhall im Beethovenfries der vierzehnten Secessionsausstellung.

Im Sommer 1900 sandte Mackintosh u.a. Fotografien seiner eigenen Wohnung an den Maler Carl Moll, den Präsidenten der Wiener Secession. Diese wurden 1901, zusammen mit Ansichten von Mackintoshs Secessionszimmer, in der Secessionszeitschrift Ver Sacrum veröffentlicht und hinterliessen einen nachhaltigen Eindruck. Die präzise Beherrschung der Raumgestaltung, die Reduktion der Möbel und die konsequente Durchgestaltung von Architektur, Ausstattung und Ornamente waren für viele Wiener Gestalter neu. Mackintoshs Arbeiten galten als ausserordentlich modern und wirkten wie ein Katalysator: Zahlreiche Wiener Designer und Studierende sollten seine Entwürfe in den folgenden Jahren aufgreifen, variieren und weiterentwickeln.

In genau diesem Umfeld erfuhr Mackintosh während seines Wien-Besuchs (Oktober bis Dezember 1900) auch von einem Wettbewerb, der im Dezember 1900 in der deutschen Zeitschrift Innendekoration angekündigt wurde. Herausgegeben von Alexander Koch in Darmstadt, suchte der Wettbewerb Entwürfe für ein „Haus eines Kunstfreundes“. Einsendeschluss war der 25. März 1901.

House for an Art Lover, C.R. Mackintosh - gemeinfrei (via Wikimedia Commons)
Das Speisezimmer im 'Haus eines Kunstfreunds' - gemeinfrei (via Wikimedia Commons)

Mackintosh reichte seinen Entwurf für das „Haus eines Kunstfreundes“ ein, wurde jedoch zunächst disqualifiziert, da er nicht die geforderte Anzahl an Innenperspektiven abgegeben hatte.

Die Qualität seiner Zeichnungen in Verbindung mit der Modernität seiner Ansichten brachte Mackintosh jedoch einen Sonderpreis von 600 Mark ein – eine bemerkenswerte Würdigung, zumal kein erster Preis vergeben wurde.

Alexander Koch gab ausgewählte Wettbewerbsbeiträge als eigenständige Portfolios heraus. 1902 veröffentlichte er auch die Entwürfe Mackintoshs – inklusive der fertiggestellten Innenperspektiven –, die unter dem Titel Meister der Innenkunst erschienen und über seine Zeitschriften ein Publikum in ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten fanden.
Auf diese Weise wurde Mackintoshs visionäres Raum- und Möbelkonzept einem internationalen Publikum bekannt, obwohl das Haus selbst nie realisiert wurde.

Die Originalzeichnungen sollen 1944 verloren gegangen sein, als Alexander Kochs Verlag bei einem britischen Luftangriff zerstört wurde.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Speisezimmer des Hauses eines Kunstfreundes. Im Gegensatz zum opulenten Empfangsraum und Musikzimmer ist es dunkler, ruhiger und strenger gestaltet. Dunkle, getäfelte Wände und Möbel werden durch eine weisse Gewölbedecke, fünfzehn Gipsplatten und einen hellen Teppich ausbalanciert. Die Wände und Schränke sind mit schablonierten Paneelen versehen – ein zentrales Gestaltungsmittel Mackintoshs, das geometrische Strenge mit ornamentaler Feinheit verbindet.

Esszimmer in Charles Rennie Mackintoshs 'House For An Art Lover' (Alamy Stock Photo, Lizenz erworben)

Diese Schablonenmotive finden sich nicht nur in den Wänden und Einbaumöbeln, sondern auch in den Stühlen selbst wieder. Am Tisch sind lediglich zwei hohe Armlehnstühle dargestellt – die später als Art Lovers Carver Chairs bekannt wurden –, deren schlanke, sich verjüngende Rückenlehnen von Kopf bis Fuss durchlaufen. Diese Stühle, ebenso wie andere Möbel dieses Hauses, blieben viele Jahrzehnte reine Entwürfe auf Papier.

Erst über 80 Jahre später begann sich Mackintoshs Traum zu materialisieren. 1989 entstand in Glasgow die Initiative, das House for an Art Lover nach den originalen Entwürfen zu bauen. Die Umsetzung war komplex und langwierig. 1995 wurde Bruce Hamilton Furniture Makers mit der Herstellung der Möbel für das Esszimmer beauftragt.

Mit nur wenigen überlieferten Informationen aus dem Mackintosh-Portfolio und in enger Abstimmung mit Mackintosh-Forschern fertigte Bruce Hamilton massstäbliche Werkstattzeichnungen der Esszimmergarnitur an – seine Interpretation von Mackintoshs Aquarellen.

Die Möbelstücke wurden als originale Mackintosh-Möbel gefertigt, wenngleich sie 67 Jahre nach seinem Tod entstanden. Bis heute arbeitet Bruce Hamilton mit denselben Schablonen und Vorrichtungen.

Argyle Chair & Art Lovers Carver Arm Chair von Bruce Hamilton
Argyle Chair & Art Lovers Carver Arm Chair von Bruce Hamilton

Die dekorative Schablonenarbeit an den Stuhlrücken wird dabei von Elisabeth Viguie Culshaw vom Lansdowne House of Stencils ausgeführt, die diese anspruchsvolle Technik mit grosser Sensibilität weiterführt.

Wie die Entstehungsgeschichte zeigt, nimmt der Art Lovers Carver Arm Chair eine aussergewöhnliche Stellung ein: Da Charles Rennie Mackintosh diesen Stuhl selbst nie gebaut hat, wird er durch diese Ausführung tatsächlich zu einem Original – nicht als historisches Objekt aus der Zeit um 1900, sondern als späte, präzise und respektvolle Realisierung einer Idee, die ihrer Zeit weit voraus war.

Elisabeth Viguie Culshaw of Landsdowne House of Stencils

Der Art Lovers Carver Arm Chair steht damit exemplarisch für Mackintoshs Wirkung auf die Wiener Secession, für seinen Einfluss auf die europäische Moderne und für die Kraft von Entwürfen, die Jahrzehnte überdauern können.

Er erzählt von Visionen, von kulturellem Austausch, von Handwerk auf höchstem Niveau – und davon, dass manche Ideen einfach auf ihre Zeit warten müssen.

Quellen:

  • Billcliffe, Roger. Mackintosh Furniture. First edition. New York: E. P. Dutton, 1985. 

  • Cosgrove, James, ed. House for an Art Lover: Charles Rennie Mackintosh. Glasgow: House For An Art Lover, 2004.
  • Blake, Fanny. Essential Charles Rennie Mackintosh. Bath: Parragon, 2004.

Mein Dank geht an Bruce Hamilton für die Werkstattbilder sowie an Elisabeth Viguie Culshaw für die Fotos der Schablonenarbeit.

Die Zeichnungen von Charles Rennie Mackintosh zum Speisezimmer und zum „House for an Art Lover“ sind gemeinfrei (via Wikimedia Commons).

Das Esszimmer im House for an Art Lover, Ballahouston Park, Glasgow.
Foto: © Alamy Stock Photo

Interessante Links zum Thema:

 

English Version:

The Art Lovers Carver Arm Chair – Mackintosh’s Design Brought to Life

When Charles Rennie Mackintosh came into contact with the Vienna Secession at the beginning of 1900, one of the most fertile and consequential cultural connections within the European Art Nouveau movement began to take shape.

Encounters with figures such as Josef Hoffmann, Koloman Moser, and the patron Fritz Waerndorfer led to an intensive exchange that shaped Mackintosh’s work as much as it did that of the Viennese designers and their students. The broad gesso panels designed by Mackintosh and Margaret MacDonald, which were presented at the Eighth Secession Exhibition, also influenced Gustav Klimt’s work and found their echo in the Beethoven Frieze of the Fourteenth Secession Exhibition.

In the summer of 1900, Mackintosh sent, among other materials, photographs of his own apartment to the painter Carl Moll, President of the Vienna Secession. These were published in 1901, together with views of Mackintosh’s Secession Room, in the Secessionist journal Ver Sacrum, where they made a lasting impression. The precise command of spatial composition, the reduction of furniture, and the consistent integration of architecture, furnishings, and ornamentation were new to many Viennese designers. Mackintosh’s works were regarded as exceptionally modern and acted as a catalyst: numerous Viennese designers and students would take up his designs in the following years, adapting, varying, and further developing them.

It was within this very context that Mackintosh also learned, during his visit to Vienna (October to December 1900), of a competition announced in December 1900 in the German journal Innendekoration. Edited by Alexander Koch in Darmstadt, the competition sought designs for a “House for an Art Lover.” The submission deadline was 25 March 1901.

Mackintosh submitted his design for the House for an Art Lover but was initially disqualified because he had not provided the required number of interior perspectives. Nevertheless, the quality of his drawings, combined with the modernity of his vision, earned him a special prize of 600 marks—a remarkable distinction, particularly as no first prize was awarded.

Alexander Koch published selected competition entries as independent portfolios. In 1902, he also published Mackintosh’s designs—including the completed interior perspectives—under the title Meister der Innenkunst (Masters of Interior Design). Through Koch’s journals, these works reached an audience throughout Europe as well as in the United States.

In this way, Mackintosh’s visionary concept of space and furniture became known to an international audience, even though the house itself was never realized.

The original drawings are believed to have been lost in 1944, when Alexander Koch’s publishing house was destroyed during a British air raid.

Particular attention should be given to the dining room of the House for an Art Lover. In contrast to the opulent reception room and music room, it is conceived as darker, calmer, and more restrained. Dark, panelled walls and furniture are balanced by a white vaulted ceiling, fifteen plaster panels, and a light-coloured carpet. The walls and cabinets are fitted with stencilled panels—one of Mackintosh’s central design devices, combining geometric rigor with ornamental delicacy.

These stencil motifs appear not only on the walls and built-in furniture but also on the chairs themselves. At the table, only two high-backed armchairs are depicted—later known as the Art Lovers Carver Chairs—whose slender, tapering backrests run uninterrupted from top to bottom. These chairs, like many other pieces of furniture designed for this house, remained purely conceptual works on paper for many decades.

Only more than eighty years later did Mackintosh’s vision begin to materialize. In 1989, an initiative was launched in Glasgow to build the House for an Art Lover according to the original designs. The realization was complex and protracted, and in 1995 Bruce Hamilton Furniture Makers were commissioned to produce the dining room furniture.

Working with only limited surviving information from the Mackintosh portfolio and in close consultation with Mackintosh scholars, Bruce Hamilton produced full-scale workshop drawings for the dining room suite—his interpretation of Mackintosh’s watercolours.

The pieces of furniture were made as original Mackintosh furniture, even though they were produced sixty-seven years after his death. To this day, Bruce Hamilton continues to work using the same templates and jigs.

The decorative stencil work on the chair backs is carried out by Elisabeth Viguie Culshaw of the Lansdowne House of Stencils, who continues this demanding technique with great sensitivity.

As the history of its creation demonstrates, the Art Lovers Carver Arm Chair occupies an exceptional position. Since Charles Rennie Mackintosh never built this chair himself, it becomes—through this execution—an original in its own right: not a historical object from around 1900, but a late, precise, and respectful realization of an idea that was far ahead of its time.

The Art Lovers Carver Arm Chair thus stands as an exemplar of Mackintosh’s impact on the Vienna Secession, his influence on European Modernism, and the enduring power of designs that can transcend decades.

It tells a story of vision, of cultural exchange, of craftsmanship at the highest level—and of the fact that some ideas simply need to wait for their time.

Sources:

 

  • Billcliffe, Roger. Mackintosh Furniture. First edition. New York: E. P. Dutton, 1985. 
  • Cosgrove, James, ed. House for an Art Lover: Charles Rennie Mackintosh. Glasgow: House For An Art Lover, 2004.
  • Blake, Fanny. Essential Charles Rennie Mackintosh. Bath: Parragon, 2004.

Acknowledgements:

My thanks go to Bruce Hamilton for the workshop photos and to Elisabeth Viguie Culshaw for the photos of the stencil work.

The drawings by Charles Rennie Mackintosh of the dining room and the House for an Art Lover are in the public domain (via Wikimedia Commons).

Dining room, House for an Art Lover, Ballahouston Park, Glasgow.
Photo: © Alamy Stock Photo

Further links of interest:

Facharbeit am Goering Institut, München

Facharbeit am Goering Institut, München

The English version of my blog entry can be found below.

Bewährte Konstruktionsprinzipien und Materialien im Schrankbau: eine praxisbasierte Studie mit Prototyp

Meine Facharbeit beschäftigt sich mit bewährten Schrankkonstruktionen und nachhaltigem Möbelbau. 

Ziel war es, historische Prinzipien und Materialien vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Beginn der Moderne zu analysieren und daraus einen zeitgemäßen Möbelprototyp zu entwickeln – ein Stück, das Generationen überdauert, nachhaltig und restaurierungsfreundlich ist.

Die zentralen Erkenntnisse stammen aus persönlichen Interviews und Umfragen mit Restauratorinnen und Restauratoren, deren Praxiserfahrungen in die Gestaltung und Konstruktion des Prototyps eingeflossen sind.

Dabei zeigt die Arbeit, dass wir Restaurierende nicht nur Wissen und Objekte bewahren, sondern auch wertvolle Impulse für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Möbelbau geben können.

Das Möbel verbindet klare, reduzierte Formen mit einer traditionellen und teils überschobenen Rahmen-Füllungskonstruktion aus Edelkastanie. Dieses Holz überzeugt durch seine Dauerhaftigkeit, warme Farbe, feine Maserung und eine rund 20 % geringere Dichte im Vergleich zu Eiche. Damit ist es ein leichtes, dennoch robustes Holz, das sich im hochwertigen Möbelbau bewährt hat.

Durch das Keilsystem, den reversiblen Glutinleim und formstabile Verbindungen wie Schwalbenschwanz oder die japanische Eckverbindung 隠し留め蟻三枚ほぞ (Kakushi Tome Ari Sanmai Hozo) bleibt das Möbel zerlegbar und einfach restaurierbar. Zugleich wird die sichtbare Konstruktion Teil der Gestaltung – und macht das Möbel über Generationen hinweg nachhaltig nutzbar.

Gravuren auf den Schubladenböden dokumentieren die Entstehungsgeschichte für zukünftige Restaurierende.

Das Ergebnis: Ein Möbelstück, das Handwerk, Tradition und zeitgenössische Gestaltung vereint – schlicht, beständig und voller Geschichte.

Mein besonderer Dank gilt allen Restaurierenden, die sich an der Umfrage beteiligt oder für ein persönliches Interview zur Verfügung gestellt haben. Ihre Expertise hat diese Arbeit massgeblich bereichert.

     

    English Version:

    Proven Construction Principles and Materials in Cabinetmaking: A Practice-Based Study with Prototype

     

    My thesis explores time-tested cabinetmaking constructions and sustainable furniture design. Its aim was to analyse historical principles and materials from the early 19th century up to the dawn of the modern era and to translate them into a contemporary furniture prototype—one that is long-lasting, sustainable, and easy to restore.

    My central findings derive from personal interviews and surveys with experienced conservators, whose hands-on experience informed the design and construction of the prototype. The work emphasizes that conservators not only preserve knowledge and objects, but do also provide valuable impulses for responsible, sustainable approaches to furniture making.

    The piece combines clear, reduced forms with a traditional, partially overlapping frame-and-panel construction made of sweet chestnut. This timber stands out for its durability, warm colour, fine grain, and a density roughly 20% lower than oak. As a result, it is lightweight yet robust—an established material in high-quality furniture making.

    Through the use of a wedge system, reversible hide glue, and dimensionally stable joints such as dovetails or the Japanese corner joint 隠し留め蟻三枚ほぞ (Kakushi Tome Ari Sanmai Hozo), the furniture remains demountable and easy to restore. At the same time, the visible construction becomes an integral part of the design, allowing the piece to remain functional and sustainable for generations.

    Engravings on the drawer bottoms record the making of the piece for future conservators.

    The result is a piece of furniture that unites craftsmanship, tradition, and contemporary design—simple, enduring, and full of history.

     

    My sincere thanks go to all conservators who contributed to the survey or agreed to a personal interview. Their expertise and support greatly enriched this project.

    Elfenbeinschatulle, Rokoko

    Elfenbeinschatulle, Rokoko

    The English version of my blog entry can be found below.

    Der Deckel dieser runden Elfenbeinschatulle (Ø ~9 cm) zeigt ein elegant gekleidetes Paar – einen Kavalier in Kniebundhose, Gehrock und Dreispitz sowie eine Dame in ausladendem Kleid mit Spitze und höfischer Frisur – vor parkähnlicher Architektur mit Baum, Zäunen und einem architektonischen Portal. Ein kleiner Hund begleitet die Szene und symbolisiert Treue.

    Hinter der Dame steht leicht versetzt eine zweite Frau, vermutlich eine Zofe oder Anstandsdame, die das Paar beobachtet. Ihr ruhiger Ausdruck und die Platzierung direkt hinter der Hauptfigur deuten auf eine dienende, aber vertraute Position hin – sie ist Zeugin eines höfischen Flirts oder möglicherweise Mitwisserin.

    Solche Nebenfiguren waren in galanten oder höfischen Darstellungen des 18. Jahrhunderts üblich und dienten dazu, die gesellschaftliche Hierarchie, Etikette und die soziale Situation zu veranschaulichen.

    Die Komposition ist typisch für das Rokoko und den Übergang zum frühen Biedermeier (ca. 1770–1820): galante Liebesszenen, florale Ornamentik, fein ausgearbeitete Details und die Einbindung von Nebenfiguren als dramaturgische Mittel waren beliebt in Elfenbeinschnitzereien dieser Epoche. Die Darstellung von höfischem Liebeswerben in gepflegten Aussenanlagen spiegelt die Vorlieben der bürgerlichen und adligen Kreise in Deutschland und Frankreich wider.

    Der Boden und die Innenwand der Schatulle, einschliesslich derjenigen des Deckels, sind mit Schildpatt belegt, das mit rotem Japanpapier hinterlegt ist.

    Ein Spannungsriss wurde zu einem früheren Zeitpunkt verklebt, und das Motiv mit Wachs überzogen. Im Laufe der Zeit diffundierte die rote Farbe des Japanpapiers stellenweise durch das Elfenbein.

    Restaurierungsmassnahmen:

    • Entfernung der verhärteten Wachsschicht mit Skalpell, teilweise unter UV-Licht
    • Verspachtelung des Spannungsrisses mit Kreidegrund
    • Absperrung mit Schellack
    • Retusche mit Mussini Harz-Ölfarben

    Ein herzliches Dankeschön geht an Anne Denk für ihre Einführung und fachliche Begleitung.
    👉🏽 https://goeringinstitut.de/

    English Version:

    Ivory Box with Courting Scene

    On the lid (Ø ~9 cm) is a finely crafted ivory relief depicting an elegantly dressed couple — a cavalier in knee breeches, frock coat, and tricorn hat, and a lady in a voluminous gown adorned with lace and a courtly hairstyle — set before a park-like architectural backdrop with a tree, fences, and an ornamental gateway.  A small dog accompanies the scene, symbolizing fidelity.

    Behind the lady, slightly offset, stands a second woman — likely a maid or chaperone — observing the couple. Her calm expression and placement directly behind the main figure suggest a serving yet familiar role: she appears as a witness to a courtly flirtation or perhaps as a confidante.

    Such secondary figures were common in 18th-century galant and courtly scenes, helping to illustrate social hierarchy, etiquette, and the subtleties of interaction within the depicted milieu.

    The composition is characteristic of the Rococo and the transition to early Biedermeier (c. 1770–1820): gallant love scenes, floral ornamentation, finely executed details, and the inclusion of secondary figures as narrative devices were popular features in ivory carvings of this period. The portrayal of courtly courtship in cultivated outdoor settings reflects the aesthetic preferences of both bourgeois and aristocratic circles in Germany and France.

    The interior walls and base of the lid are framed with tortoiseshell, backed with red Japan paper.
    A stress crack had previously been glued, and the surface coated with wax. Over time, the red pigment from the Japan paper has partially migrated through the ivory.

    Restoration:
    • Removal of the hardened wax layer with a scalpel, partly under UV light
    • Filling of the stress crack with chalk ground
    • Sealing with shellac
    • Retouching with Mussini resin-oil paints

    With sincere thanks to Anne Denk for her introduction and professional guidance.
    👉🏽 https://goeringinstitut.de/

    Ein Design-Klassiker zwischen Vergangenheit und Zukunft: der Argyle Chair von Charles Rennie Mackintosh

    Ein Design-Klassiker zwischen Vergangenheit und Zukunft: der Argyle Chair von Charles Rennie Mackintosh

    The English version of my blog entry can be found below.

    Schon beim Betreten der Ausstellung Science Fiction Design im Schaudepot des Vitra Design Museums wurde mir klar: Hier betritt man eine andere Welt.
    Die Möbelentwürfe der 1960er-Jahre, inspiriert vom Space Age und der Aufbruchsstimmung rund um die Mondlandung, strahlen eine unglaubliche Energie aus – fast so, als wäre die Zukunft damals greifbar gewesen.

    Zwischen all den futuristischen Entwürfen stach ein einzelnes Stück besonders hervor: der Argyle Chair von Charles Rennie Mackintosh* aus dem Jahr 1897.

    1897 beauftragte die Besitzerin Kate Cranston Mackintosh gemeinsam mit dem Innenarchitekten George Walton, die Räume der Argyle Street Teestube in Glasgow zu gestalten und einzurichten – darunter fand sich auch der Argyle Chair, der sich zu einem echten Designklassiker entwickelte.

    Die ungewöhnlich hohen Rückenlehnen der Stühle bildeten eine Art Sichtschutz um den Tisch und verliehen ihnen zugleich eine unverwechselbare Eleganz.

    Besonders beeindruckend ist, wie der Argyle Chair in die Welt des Science-Fiction-Designs Einzug gehalten hat: Ridley Scott liess im Film Blade Runner die Replikantin Rachel, die Gefährtin von Harrison Fords Figur Rick Deckard, so stilvoll in dem Stuhl Platz nehmen, dass er selbst zum Requisit einer futuristischen Welt wurde.

    Der Stuhl taucht in weiteren Filmen und Serien wie The Addams Family, Star Trek: The Next Generation, Babylon 5 und Dr. Who auf.

    Für mich war es ein besonderer Moment, als ich dieses Möbelstück im Museum sah: ein Stuhl aus dem späten 19. Jahrhundert, visionär und zeitlos, der die Brücke von 1897 direkt in die Zukunft schlägt.

    👉🏽 Siehe auch:

    *«Der schottische Architekt, Designer und Künstler Charles Rennie Mackintosh gehörte in den Jahren um 1900 zu den innovativsten und produktivsten Gestaltern Europas.

    Wie andere bedeutende Jugendstilmeister strebte auch er bei seinen Interieurs nach umfassenden Gestaltungslösungen, bei denen er alle wesentlichen Elemente des Raumes festlegen und nach seinen Vorstellungen umsetzen konnte.

    Seine Möbelentwürfe, wie die meisten seiner Arbeiten oft in enger Zusammenarbeit mit seiner Frau Margaret Macdonald Mackintosh realisiert, entstanden im Rahmen konkreter Aufträge und Projekte. Somit waren sie an einen ganz bestimmten räumlichen, funktionalen und gestalterischen Kontext gebunden, der ihre formale Erscheinung entscheidend beeinflusste. Sie waren explizit nicht für einen anonymen Markt und eine serielle Fertigung im industriellen Maßstab konzipiert, sondern wurden allenfalls in kleinen Serien und in jedem Fall auf handwerklicher Basis produziert, so auch der für die Argyle Street Tea Rooms in Glasgow bestimmte Stuhl.»

    Zitat aus:
    Kries Mateo, Eisenbrand Jochen (Hrsg.): Atlas des Möbeldesigns. Weil am Rhein: Vitra Design Museum, 2019. S. 78

    English Version:

    A Design Classic Between Past and Future: the Argyle Chair by Charles Rennie Mackintosh

    As soon as I entered the Schaudepot at the Vitra Design Museum for the Science Fiction Design exhibition, I felt as though I had been transported to another world. The furniture of the 1960s, shaped by the Space Age and the spirit of optimism that surrounded the moon landing, radiates an incredible energy – as if the future had once been within arm’s reach.

    Yet among all these futuristic visions, one piece caught my eye more than any other: the Argyle Chair by Charles Rennie Mackintosh*, designed in 1897. That same year, tea room owner Kate Cranston asked Mackintosh, together with interior designer George Walton, to design and furnish the Argyle Street Tea Rooms in Glasgow. Among their creations was the Argyle Chair – a design that would become a true classic.

    The unusually tall backrests gave the chairs a screen-like presence around the tables while adding an unmistakable elegance.

    What fascinates me most is how this chair crossed over into the world of science fiction design. In Blade Runner, Ridley Scott placed the replicant Rachel – companion to Harrison Ford’s Rick Deckard – so elegantly in the chair that it became a prop in a futuristic universe.

    The Argyle Chair later reappeared in The Addams Family, Star Trek: The Next Generation, Babylon 5, and Dr. Who – proof of how timeless and visionary Mackintosh’s ideas remain.

    For me, seeing this piece at the museum was a special moment: a chair from the late 19th century, visionary and timeless, bridging 1897 directly into the future.

    👉🏽 See also:

    * «The Scottish architect, designer, and artist Charles Rennie Mackintosh was among the most innovative and prolific creators in Europe around the year 1900. Like other leading masters of Art Nouveau, he strove in his interiors for comprehensive design solutions, in which he could determine all essential elements of the room and realize them according to his own vision.
    His furniture designs—like most of his works often carried out in close collaboration with his wife Margaret Macdonald Mackintosh—were created within the framework of specific commissions and projects. Thus, they were tied to a very particular spatial, functional, and aesthetic context that decisively shaped their formal appearance. They were explicitly not conceived for an anonymous market and mass industrial production but were at most produced in small series and, in any case, on a craft basis—such as the chair designed for the Argyle Street Tea Rooms in Glasgow.»

    Quote from (translated by C.S.):
    Kries, Mateo; Eisenbrand, Jochen (eds.): Atlas of Furniture Design. Weil am Rhein: Vitra Design Museum, 2019, p. 78.

    Wiener Geflecht – handgeflochtene Geschichte

    Wiener Geflecht – handgeflochtene Geschichte

    The English version of my blog entry can be found below.

    Der Mensch verwendet geflochtene Objekte seit Jahrtausenden. Noch heute existieren einige frühe Exemplare aus ägyptischen Gräbern. Mehrere Kästchen und eine Truhe aus Schilfrohr, Papyrus und Binsen stehen im Ägyptische Museum in Kairo.

    Im europäischen Möbelbau werden seit dem Mittelalter vor allem Flechtmaterialien aus heimischen Pflanzen wie Weide, Binse und Schilf verwendet.

    In den traditionellen Kulturen Asiens war und ist die Rattanpalme vielseitig im Einsatz: Aus ihr entstanden über Jahrhunderte hinweg unzählige Alltags- und Gebrauchsgegenstände – von Fischfallen über Möbel bis zu Hängebrücken. Der Begriff Rattan leitet sich vom malaiischen rotan ab, was „schälen“ bedeutet – ein Hinweis auf die Verarbeitungstechnik, bei der die äussere Rindenschicht entfernt wird.

    China gilt als Ursprungsland des mit Geflecht bespannten Stuhls – im östlichen Kulturraum waren solche Möbel über Jahrhunderte hinweg weit verbreitet.

    Mit der Kolonialisierung gelangte Rattan ab dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert nach Europa. Gesichert ist, dass das sogenannte Wiener Geflecht – das charakteristische Achteckmuster, wie es Thonet u.a. im Stuhlklassiker Nr. 214 verwendet – seinen Ursprung im asiatischen Raum hat.

    Insgesamt kennt man über zweihundert Arten dieser Kletterpflanze, die sich vom Süden Chinas und Indien über die malaiische Halbinsel bis nach Westafrika erstrecken. Die grösste Artenvielfalt und gleichzeitig das Hauptexportgebiet liegt auf der malaiischen Halbinsel den Philippinen und in Indonesien.

    Rattan ist ein ökologisch wertvoller, nachwachsender Rohstoff, der in enger Symbiose mit dem Regenwald wächst und zur Erhaltung der Biodiversität beiträgt. Die handgeerntete Pflanze sichert das Einkommen vieler lokaler Gemeinschaften und fördert gleichzeitig den Schutz der Tropenwälder, indem sie nachhaltige Nutzung und eine moderne Kreislaufwirtschaft unterstützt.

    Herzlichen Dank an Henriette Jordan für ihre wertvolle Unterstützung und fachkundige Anleitung während des Kurses.

     

    Quellen:

      • Miller, Bruce W., and Jim Widess. The Caner’s Handbook: A Descriptive Guide with Step-by-Step Photographs to Restoring Cane, Rush, Splint, Danish Cord, Rawhide, & Wicker Furniture. New York: Sterling Publishing, 1991.
      • Thonet GmbH. „Geschichte & Marke: Nachhaltig verflochten: Thonet und das Rohrgeflecht“, (abgerufen am 22. Juli 2025)
        https://www.thonet.de

       

      English Version:

      Wiener Geflecht – A Viennese Classic in Handwoven Furniture

      From traditional cane craft to timeless design

      Humans have been using woven objects for thousands of years. Some early examples still survive today, including several small boxes and a chest made from reed, papyrus, and rush, preserved in the Egyptian Museum in Cairo.

      In European furniture making, woven materials from native plants such as willow, rush, and reed have been used since the Middle Ages.

      In the traditional cultures of Asia, the rattan palm has long been, and continues to be, a highly versatile material: over the centuries, it has been used to create countless everyday and utilitarian objects – from fish traps and furniture to rope bridges. The word rattan is derived from the Malay term rotan, meaning „to peel“ – a reference to the harvesting process in which the outer bark is stripped away.

      China is considered the birthplace of the woven-seated chair. In East Asian cultures, such furniture was widespread for centuries.

      With colonisation, rattan was introduced to Europe in the late 16th or early 17th century. It is well established that what we now call Wiener Geflecht – the characteristic octagonal cane weave used by Thonet, among others, in the classic No. 214 chair – has its origins in Asia.

      Today, over two hundred species of this climbing plant are known. They range from southern China and India across the Malay Peninsula to West Africa. The greatest diversity of species – and the main export regions – are found in the Malay Peninsula, the Philippines, and Indonesia.

      Rattan is an ecologically valuable, renewable resource that grows in close symbiosis with the rainforest and supports biodiversity. It is harvested by hand by local farmers, providing them with a stable income and promoting the long-term conservation of tropical forests through sustainable use and participation in a modern circular economy.

      Special thanks to Henriette Jordan for her invaluable guidance and support throughout this course.

       

      References:

        • Miller, Bruce W., and Jim Widess. The Caner’s Handbook: A Descriptive Guide with Step-by-Step Photographs to Restoring Cane, Rush, Splint, Danish Cord, Rawhide, & Wicker Furniture. New York: Sterling Publishing, 1991.
        • Thonet GmbH. Thonet – History of the Brand: “Nachhaltig verflochten: Thonet und das Rohrgeflecht“, accessed July 22, 2025.
          https://www.thonet.de