The English version of my blog entry can be found below.
Warum mich Toshio Odates Gedanken zum Holzhandwerk tief berühren
Vor kurzem habe ich einen Text von Toshio Odate gelesen (vgl. Bild und pdf rechts; Quelle: @toshio_odate, 13.04.2026), der mich in einer seltenen Klarheit berührt hat.
Es war nicht einfach nur Zustimmung, sondern eher ein Wiedererkennen. Als hätte jemand Worte für etwas gefunden, das ich schon lange in mir trage, aber nie ganz so treffend aussprechen konnte. Toshio Odate beschreibt das Holzhandwerk nicht als rein technische Disziplin oder als blosse Summe von Fertigkeiten und Präzision, sondern hebt eine darüber hinausgehende, unsichtbare Dimension hervor, die einem Werkstück erst Leben verleiht. Gerade diese Gedanken bringen etwas auf den Punkt, das mich seit Langem im Handwerk begleitet:
Holzbearbeitung ist nicht nur eine Frage sauberer, passgenauer Verbindungen, sondern auch eine Möglichkeit, Reichtum zu schaffen – so wie fruchtbarer Boden Nahrung bereichert.
Ich habe eine vierjährige Schreinerlehre absolviert und als Schreinerin EFZ im Bereich Möbel und Innenausbau abgeschlossen. In meiner Ausbildung habe ich jedoch fast ausschliesslich mit Maschinen gearbeitet. Der Handhobel reduzierte sich in meiner Ausbildung im Wesentlichen auf das Fasen von Kanten. Handwerkzeuge wie Stechbeitel, japanische Zugsägen sowie Spezialhobel – etwa Grund-, Nut- oder Profilhobel – spielten praktisch keine Rolle. Vieles von dem, was für Jahrhunderte zum Kern des Schreinerhandwerks gehörte, ist heute im Alltag kaum noch präsent. Nicht, weil es wertlos wäre, sondern weil es in einer Ausbildung, die stark auf Effizienz, Wiederholung und maschinelle Abläufe ausgerichtet ist, kaum noch Platz findet.
Darin zeigt sich für mich ein grundlegendes Spannungsfeld. Denn die maschinelle und serielle Arbeit, wie sie heute in den meisten Schreinereien Realität ist, entspricht nur bedingt dem, was ich mit diesem Handwerk verbinde.
Gewiss: Maschinen haben ihren Platz. Sie können entlasten, beschleunigen, wiederholbare Genauigkeit ermöglichen. Doch dort, wo das Handwerk sich ganz dem Takt der Maschine, der Logik der Serie und einem ausschliesslich auf Effizienz und Gewinnmaximierung ausgerichteten Arbeiten unterordnet, geht etwas Entscheidendes verloren.
Es geht nicht nur um Maschinen und Werkzeuge – es geht um Haltung. Und diese Haltung zeigt sich in der Art des Arbeitens: im Umgang mit Handwerkzeugen, in Techniken wie Marketerie und Intarsien, im Vergolden, im Dampfbiegen, in durchdachten Verbindungen oder in sorgfältigen Oberflächenlösungen – von klassischen Ausführungen wie Schellackpolitur, Öl- oder Wachsauftrag bis hin zu heutigen Verfahren.
Erst so entfaltet sich die eigentliche Vielfalt des Handwerks – und mit ihr die Individualität eines Möbels. Zugleich ist es die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz selbst, die diese Art des Arbeitens trägt und dem Möbel Tiefe verleiht.
Der Begriff „Werkstoff“ greift dafür allerdings zu kurz, denn Holz ist für mich nicht bloss Material. Es ist gewachsene Zeit. Es trägt Spannung, Richtung, Charakter, Eigenwillen und Geschichte in sich – ein eigenes Leben.
Vielleicht berührt mich gerade deshalb auch Nakashimas „The Soul of a Tree“: die Vorstellung, dass der Baum im Möbel ein zweites Leben erhält. Nicht als abstrakter Rohstoff, sondern als verwandelte Gegenwart.
Auch Sam Maloof beschreibt diese Beziehung zwischen Handwerker und Material als etwas zutiefst Persönliches – getragen von Respekt, von Hingabe und von dem Bewusstsein, Teil von etwas Grösserem zu sein.
In diesem Verständnis liegt auch das, was Odate beschreibt: Die Qualität entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Material und Arbeit und wird im Werkstück als Ausdruck von Erfahrung, Geduld, Entscheidungen, Sorgfalt und Haltung erfahrbar.
Zwei Verbindungen können beide präzise sein – und doch spricht die eine mehr als die andere. Ein Möbel kann funktional sein und dennoch innerlich leer. Ein anderes kann dieselbe Funktion erfüllen und dabei Wärme, Ruhe und Stimmigkeit ausstrahlen.
Diese Qualität ist etwas, das sich kaum benennen lässt. Man spürt es.
Odate nennt es die menschliche Nuance – und genau darin zeigt sich für mich, was Handwerk ausmacht.
Vielleicht war genau diese Sehnsucht auch der Grund, weshalb ich nach meiner Lehre nicht einfach in den gewohnten Bahnen weitergehen konnte.
Stattdessen habe ich mich auf eine fünfjährige Lernreise begeben, die im kommenden Juli nun zu einem vorläufigen Abschluss kommt – auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass man in diesem Beruf nie ausgelernt hat.
Die Welt der Holzverarbeitung ist so gross, so reich und so vielschichtig, dass jeder Tag neue Fragen, neue Einsichten und neue Demut mit sich bringt. Je länger ich mich mit Holz befasse, desto mehr lerne ich, es nicht nur zu bearbeiten, sondern zu lesen.
Mich beeindruckt besonders das Wissen der alten Meister. Ihr Verständnis für das Holz war nicht nur technisch, sondern beinahe dialogisch. Sie wussten, wie sich ein Brett verhalten würde, wie ein Baum gewachsen war, wo Spannung sass und in welche Richtung es sich bewegen würde. Sie begegneten dem Holz aus ihrer Erfahrung heraus: in der Konstruktion, in der Auswahl des richtigen Brettes und in Verbindungen, die mit dem Material arbeiten. So entstanden Möbel, Fenster und Türen von einer Qualität, die Generationen überdauerten.
Wenn ich heute auf meinen Weg blicke, wird mir immer klarer, was den Unterschied ausmacht: Es ist die Art des Arbeitens – getragen von Aufmerksamkeit, im Respekt vor dem Material und frei von Hast – die das Ergebnis prägt und dem Werk jene menschliche Nuance verleiht, von der Odate spricht.
Ich entwerfe und baue Möbel aus Massivholz als Unikate – nicht für einen anonymen Markt, sondern für die Menschen und den Ort, an dem sie ihren Platz finden.
In dieser Haltung entstehen in meiner Möbelmanufaktur und Restaurierungswerkstatt ab Januar 2027 neue Möbel – und bestehende Möbel werden bewahrt, restauriert und in ihrer Geschichte weitergeführt.
Chaska Schuler
English Version:
The Human Nuance
Why Toshio Odate’s reflections on woodworking resonate deeply with me
Recently, I read a text by Toshio Odate that touched me with a rare clarity (cf. image and PDF above; source: @toshio_odate, April 13, 2026).
It was not simply agreement, but rather a sense of recognition—as if someone had found words for something I have long carried within me, yet never quite managed to express so precisely.
Odate does not describe woodworking as a purely technical discipline or merely as a sum of skills and precision. Instead, he points to a dimension beyond that—an invisible quality that gives a piece its life. These thoughts articulate something that has accompanied me in my craft for a long time:
Woodworking is not only a matter of clean, tightly fit joinery,
but also a way to add richness, like rich soil adding nutrition to food.
I completed a four-year apprenticeship as a cabinetmaker and graduated with a federal diploma (EFZ) in furniture making and interior construction. During my training, however, I worked almost exclusively with machines. The hand plane was largely reduced to chamfering edges. Hand tools such as chisels, Japanese pull saws, and specialized planes—like router planes, plow planes, or molding planes—played virtually no role. Much of what formed the core of woodworking for centuries is hardly present in everyday practice today—not because it has lost its value, but because there is little space for it in a training system shaped by efficiency, repetition, and machine-driven processes.
For me, this reveals a fundamental tension. The machine-based and serial work that defines most workshops today only partially corresponds to what I understand as craftsmanship.
Certainly, machines have their place. They can ease physical strain, increase speed, and enable repeatable precision. But where craftsmanship becomes entirely subordinated to the rhythm of machines, the logic of serial production, and a way of working focused solely on efficiency and profit maximization, something essential is lost.
It is not only about machines and tools—it is about attitude. And this attitude reveals itself in the way one works: in the use of hand tools, in techniques such as marquetry and inlay, in gilding, in steam bending, in thoughtful joinery, and in carefully executed surfaces—from traditional finishes such as shellac polishing, oiling, or waxing, to contemporary methods.
Only then does the true diversity of the craft unfold—and with it, the individuality of a piece of furniture. At the same time, it is the direct engagement with the material itself that sustains this way of working and gives depth to the object.
Yet the term “material” falls short. Wood, to me, is not merely a substance. It is time grown. It carries tension, direction, character, will, and history—its own kind of life.
Perhaps this is also why George Nakashima’s The Soul of a Tree resonates so deeply with me: the idea that a tree receives a second life within the furniture—not as an abstract raw material, but as a transformed presence.
Sam Maloof also describes this relationship between craftsperson and material as something deeply personal—shaped by respect, devotion, and an awareness of being part of something larger.
Within this understanding lies what Odate describes: quality emerges through the interplay of human, material, and work—and becomes tangible in the piece as an expression of experience, patience, decisions, care, and attitude.
Two joints may both be precise—and yet one speaks more than the other. A piece of furniture may be functional and still feel empty. Another may fulfill the same function while radiating warmth, calm, and coherence.
This quality is difficult to name. But it can be felt.
Odate calls it the human nuance—and for me, this is precisely what defines craftsmanship.
Perhaps it was this very longing that led me, after completing my apprenticeship, not to continue along the conventional path.
Instead, I embarked on a five-year journey of learning, which will come to a provisional conclusion this coming July—although I am deeply convinced that one never truly finishes learning in this profession.
The world of woodworking is so vast, so rich, and so layered that each day brings new questions, new insights, and a renewed sense of humility. The longer I work with wood, the more I learn not only to shape it, but to read it.
I am particularly inspired by the knowledge of the old masters. Their understanding of wood was not only technical, but almost dialogical. They knew how a board would behave, how a tree had grown, where tension lay, and in which direction it would move. They approached wood through experience: in construction, in the selection of the right board, and in joints that worked with the material rather than against it. In this way, furniture, windows, and doors were created with a quality that endured for generations.
When I look at my own path today, it becomes increasingly clear what makes the difference: it is the way of working—guided by attentiveness, respect for the material, and free from haste—that shapes the outcome and gives a piece that human nuance Odate speaks of.
I design and build furniture from solid wood as unique pieces—not for an anonymous market, but for the people and the places where they will find their home.
With this approach, from January 2027 onwards, new furniture will be created in my workshop, while existing pieces will be preserved, restored, and carried forward in their history.
Chaska Schuler

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